Predigt

An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

 

Predigt zu Joh 10,11-16 am 12.5.18, von Pfarrer Friedrich Gehring, Backnang

 

Die Botschaft von Jesus als dem guten Hirten ist Grundbestandteil schon des Religionsunterrichts in der Grundschule. 1971 wurde ich zu einem Sonderschulpraktikum an eine Sonderschule für verhaltensgestörte Kinder versetzt. Diese Kinder waren auffällig, weil sie in der Regel traumatische Erfahrungen hatten. Ich durfte alle Fächer unterrichten außer Religion, obwohl ich nach der Konzeption des „Therapeutischen Religionsunterrichts“ unterrichtete. Diese Konzeption wäre besonders für die verhaltensauffälligen Kinder dieser Schule heilsam gewesen. Aber sie war in Kirche und Pädagogik heftig angefeindet, weil sie nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch die krankmachende Schule  und Gesellschaft therapieren wollte. Damit galt man damals als Radikaler im öffentlichen Dienst und als untragbar. Es ergab sich, dass meine Tochter 40 Jahre später als gelernte Lehrerin an Sonderschulen für Erziehungshilfe an diese Schule kam. Ich erfuhr, dass dort kein Religionsunterricht stattfand, obwohl es sich um eine evangelisch diakonische Einrichtung handelte. Als Grund wurde angegeben, man sehe sich nicht in der Lage, diesen traumatisierten Kindern vom guten Hirten zu erzählen. Der zuständige Schuldekan hatte sich engagiert, war aber „grandios gescheitert“, wie mir der stellvertretende Schulleiter berichtete.

Meine Tochter hatte in ihrer Grundschulklasse zwei Mädchen, deren Mütter verstorben waren. Mangels Religionsunterricht versuchte sie es mit therapeutischem Deutschunterricht. Aus ihrer eigenen Schulzeit erinnerte sie sich an die Erzählung „Der Findefuchs“. Eine Füchsin mit vier Jungen trifft auf ein Füchslein, dessen Mutter vom Jäger erschossen worden war. Sie entschließt sich, das fünfte Junge mit durchzubringen. Auf abenteuerlichem Weg gelingt es ihr, auch dieses Füchslein vor Feinden zu retten und groß zu ziehen. Über Wochen wurde diese Erzählung im Unterricht bearbeitet, die Mädchen waren hoch interessiert bei der Sache. Am Ende sagte eines der Mädchen: Du, Frau Gehring, dia Füchsin hot a guats Herz, ond du, Frau Gehring, du bisch dia Füchsin.

Ich denke, ich muss nicht lange erklären, warum mir diese anrührende Erfahrung zum Problem der Verkündigung der Botschaft von Jesus als dem guten Hirten in der Grundschule eingefallen ist. Wir können traumatisierten Kindern nur dann vom guten Hirten Jesus erzählen, wenn wir selbst in die Fußstapfen Jesu treten und zu Hirtinnen und Hirten dieser Kinder werden. Durch die Fabel konnte das riesige Problem der mutterlosen Kinder angesprochen werden und es wurde die Perspektive aufgezeigt, dass andere Bezugspersonen die verstorbene Mutter ersetzen können. Ohne das mütterliche Engagement der Lehrerin wäre diese Perspektive nicht überzeugend geworden.

Meine Frau arbeitete vor 45 Jahren in einer therapeutischen Wohngemeinschaft für Mädchen in Frankfurt. Die Arbeit war nicht leicht und unter den Mitarbeiterinnen herrschte eine relativ goße Fluktuation. Ein Mädchen prägte den Begriff, die Betreuerinnen erschienen als „Mütter ohne Muttermilch“. Ein Mädchen aus der Gruppe führte mich zu ihrer ehemaligen Betreuerin im Rheingau, einer Nonne. Sie hatte unter anderem einen schwer traumatisierten Säugling in ihre Kinderschar aufgenommen, den sie etwa ein Jahr lang fast Tag und Nacht an ihrem Körper trug. Daran zeigte sich der heilsame Unterschied zu der fluktuierenden Mitarbeiterinnenschaft in der Wohngemeinschaft mit therapeutischem Anspruch.

Solche positiven Beispiele sind natürlich streng genommen denkbar auch ohne die Botschaft von Jesus als dem guten Hirten. Die Erzählung vom Findefuchs spricht etwas allgemein menschliches oder tierisches an. Ich möchte deshalb noch eine authentische Erfahrung hinzufügen, bei der deutlich wird, dass es eben doch sehr wichtig sein kann, dass wir diese Botschaft von Jesus gegen alle negativen Erlebnisse festhalten und weitergeben. Vor etwa 30 Jahren bekam ich den Brief der zweiten Ehefrau eines langjährigen Freundes. Sie hatte mit ihm einen Besuch bei der ersten Ehefrau und deren drei Töchter gemacht. Sie schrieb von dem Verdacht, der neue Partner der Mutter würde die Töchter sexuell missbrauchen. Ich bat brieflich um nähere Mitteilung der Beobachtungen, um in irgendeiner Weise tätig werden zu können, bekam aber keine Antwort.

Monate später rief mich mein Freund kurz vor Weihnachten an, er habe nun Konkreteres erfahren, stehe aber ganz kurz vor einer längeren Überseereise. Er bat mich, als Patenonkel der jüngsten Tochter und als Pfarrer an seiner Stelle aktiv zu werden. Ich erfuhr: Die mittlere der Töchter hatte es bei dem Partner der Mutter besonders schwer gehabt und ihre Not ihrem Tagebuch anvertraut. Der Täter hatte dieses endeckt und gelesen sowie die entsprechenden Seiten herausgerissen und drohte ihr daraufhin, wenn sie etwas ausplaudere, werde dies auf sie zurückfallen. Der ältere Bruder der Schwestern lebte schon in einer eigenen Wohnung 200 km entfernt. Seine Verlobte war Mitglied einer Freikirche. Von ihr hatte die mittlere Tochter gehört, dass wir in allen Lebenslagen auf Jesus vertrauen können und seine Hilfe erbitten dürfen. Daran erinnerte sie sich in ihrer großen Not und schrieb ihr. 

Ihr Brief kam natürlich sofort in die Hände des Bruders, der umgehend in seinem Ort  Anzeige bei der Kriminalpolizei erstattete. Es konnte erreicht werden, dass die älteste Tochter über Silvester zum Bruder durfte. Die mittlere Tochter bekam die Erlaubnis, in der Familie ihres Freundes in einem abgelegenen landwirtschaftlichen Anwesen Silvester zu verbringen. Als die Mutter am Silvesternachmittag mit dem Partner in dessen Wohnung gegangen war, setzte sich die jüngste mit der Schwester zusammen in die Familie von deren Freund ab. Die Familie hatte versichert, die Mädchen allenfalls auf Anweisung des Jugendamts herauszugeben. Um die Mittagszeit des Neujahrstags konfrontierte ich die Mutter telefonisch damit, dass ihre Töchter nicht so schnell zu ihr zurückkehren würden. Es dauerte allerdings bis zum Ende der Weihanchtsferien, bis der Mutter klar wurde, dass sie jetzt nicht mehr die Hirtin ihres Partners sein konnte, sondern die Hirtin ihrer Töchter werden und dem Partner das weitere Betreten der Wohnung untersagen musste.

Ich denke, ich muss nicht weiter erläutern, warum diese Erfahrung belegt, wie wichtig es ist, Kindern von Jesus als dem guten Hirten zu erzählen, gerade wenn sie zu Hause keine guten Hirten vorfinden. Zugleich wird aber wohl überdeutlich, dass wir bei solcher Verkündigung des guten Hirten nur glaubwürdig bleiben, wenn wir ohne Zögern bereit sind, in der Nachfolge Jesu selbst gute Hirtinnen und Hirten zu werden. Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Fälle von Missbrauch nicht nur in katholischen, sondern auch evangelischen Einrichtungen aufgedeckt werden. Dadurch  sind wir als Mitglieder unserer Kirche in besonderer Weise herausgefordert, den Opfern wirksam beizustehen und alles in unserer Kraft stehende zu tun, was der Vorbeugung dienen kann. 1985 hat mich eine Schülerin gebeten, das Thema Missbrauch im Religionsunterricht zu bearbeiten. Von da an habe ich in vielen Klassen versucht, Sensibilität für die Opfer zu entwicklen und  zu vermitteln, welche Therapieschritte und welche Vorbeugungsmaßnahmen hilfreich sein können. Ich habe deshalb die Hoffnung, dass eine Generation heranwächst, in der Opfer nicht mehr so alleine gelassen werden wie das früher vielfach geschehen ist. Vor 10 Tagen waren der Presse zu lesen über den Rückgang der kirchlichen Mitglieder und Finanzen bis 2060. Wenn wir uns in der Nachfolge Jesu konsequent bemühen, Hirtinnen und Hirten der Schwachen zu sein, dann ist mir um die Zukunft unserer Kirche nicht bange.   Wenn wir als Kirche eine Zukunft haben wollen, müssen wir uns schonungslos der Frage stellen, ob wir in der Vergangenheit eine solche Hirtenkirche waren bzw. was uns daran gehindert hat. Es ist nicht zufällig, dass die eingangs erwähnte Konzeption des „Therapeutischen Religionsunterrichts“ in unserer Kirche so heftig angefeindet war, dass sie kaum praktiziert wurde und erst in jüngster Zeit wieder ins Gespräch kommt. Sie war gesellschaftskritisch. Kritik an der Obrigkeit war aber nicht das Markenzeichen lutherischer Kirchen. Schon Jahre bevor Luther im Bauernkrieg auf die Seite der brutalen Herren getreten war, hat er aus dem 4. Gebot den Gehorsam gegen die Herrschenden abgeleitet. Dieses Gebot wollte aber ursprünglich die Versorgung alter Eltern sichern, damit auch die jetzt Jungen im Alter lange leben konnten in dem Land, das Gott ihnen gegeben hatte. Weil der Gott Israels als Hirt der Sklaven Israel aus Ägypten befreit hat, soll sein Volk Hirt der Schwachen sein für alle Zeit. Um solche soziale Verantwortung geht es auch Jesus in seiner Botschaft vom Reich Gottes. Luther hat aber seine Kirche bei aller Kritik an Papst und Kaiser schließlich doch auf die brutalen Fürsten gegründet. Der barmherzige Gott schenke uns als Kirche die Kraft, zur Barmherzigkeit mit den Schwachen und zu Jesus zurückzukehren. Amen.