Predigt

An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

 

Gottesdienst zum Bezirks -  Bläsergottesdienst, 10.11.2019

10.00 Uhr Matthäuskirche Backnang

„Kontrapunkt Frieden“

 

Wochenspr.: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Mt 5,9

 

Lesung: Psalm 34,13-16

Wer möchte gern gut leben und schöne Tage sehen? Behüte deine Zunge vor Bösem

und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tu Gutes;

suche Frieden und jage ihm nach! Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten

und seine Ohren auf ihr Schreien.

 

Predigt: Lk 6,27-38 im Gespräch mit der Jahreslosung Psalm 34,15: Suche Frieden und jage ihm nach!

 

Suche Frieden und jage ihm nach!

Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; macht etwas Schönes für die, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen.

Suche Frieden und jage ihm nach!

Dem, der dich auf die Backe schlägt, dem biete die andere auch dar;

Suche Frieden und jage ihm nach!

und wer dir das Obergewand raubt, dem verweigere auch das Untergewand nicht. Jedem, der dich bittet, gib; und wer dir das Deine wegnimmt, von dem fordere es nicht zurück.

Suche Frieden und jage ihm nach!

Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, so tut ihnen gleichermaßen!  

Suche Frieden und jage ihm nach!

Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn die Sünder lieben auch die, die sie lieben. Und wenn ihr Gutes tut, denen zugute, die an euch Gutes tun, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder praktizieren dasselbe.

Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche zurückbekommen. Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft.

Suche Frieden und jage ihm nach!

So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.

Suche Frieden und jage ihm nach!

Werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verurteilt nicht, so werdet ihr nicht verurteilt. Lasst frei, so werdet auch ihr freigelassen werden.

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

Suche Frieden und jage ihm nach!

 

Liebe Bläsergemeinde, liebe Gemeinde von Zuhörern – so nennt uns Jesus selbst-,

Hand aufs Herz, wer hat beim Zuhören – nicht eurer Bläsermusik, sondern beim Zuhören meiner Lesung der Worte Jesu – innerlich den Kopf schütteln müssen?

Wer hat sich nicht wenigstens einen Moment lang innerlich gewehrt, wo Jesus offenbar weltfremdes von seinen Zuhörerinnen und Hörern erwartet?

Feinde lieben – wer hat überhaupt Feinde? Wem Hass, Fluch und Beschimpfungen begegnen, der oder die soll mit Liebe, mit konkreten Wohltaten, mit dem Segen oder einem Gebet für sein Gegenüber reagieren. Wer eine Ohrfeige kassiert, soll die andere Backe auch noch hinhalten. Au Backe! Was soll ich als Christ von solchen Zumutungen Jesu halten? Mobbing, Gewalt, wir erleben es auf dem Schulhof wie am Arbeitsplatz: Funktioniert da Jesu Strategie des Verzichts auf jede Form des Widerstands, der Gegenwehr?

 

Liebe Gemeinde,

einen Kontrapunkt bildet das Arrangement des Evangelisten Lukas aus Jesusworten, einen Kontrapunkt zum Cantus firmus, zur Melodie der Lebenswirklichkeit, wie wir sie täglich sehen. Der Kontrapunkt in der Musik beschreibt den Ton, die Note, die dem Cantus firmus, der Basismelodie, parallel gestellt wird, um eine Mehrstimmigkeit zu erreichen, ohne allzusehr die Harmonie des Gesamtwerks zu sprengen. Einzelne Dissonanzen, also schräge Klangereignisse sind erlaubt, aber zuvorderst geht es um die Suche nach Gleichklang, nach dem Zusammenklingen verschiedener Tonlagen, nach Harmonie.

 

Harmonie, wir wünschten sie uns im normalen Leben. Vielleicht nicht alle Gleichermaßen. Im Posaunenchor – ich habe ein halbes Jahr lang mit dem Bassschlüssel gegen das Tenorhorn und die Notenlinien gekämpft – im Posaunenchor gefällt mir das breite Altersspektrum der Musizierenden. Alle Generationen waren und sind in meinem Heimatposaunenchor in Plochingen vertreten. Mich hat das immer beeindruckt, dass das zusammengeht: Die Jungen und die Älteren. Aber einen Unterschied gab es schon: Wir Jüngeren haben immer wieder den Streit gesucht, haben provoziert, mit unseren damals langen Haaren, mit unseren politischen Meinungsäußerungen, mit unserer Alltagsmusik, die ältere als Affenmusik aus dem Urwald qualifiziert hatten. Als Protestbewegung hatten uns die Älteren gesehen. Ganz besonders, wenn es um Krieg und Frieden ging.

Anstecknadeln trug ich am Parka: Schwerter zu Pflugscharen. Ohne Rüstung leben. Dinosaurier sind ausgestorben: Zuviel Panzer, zu wenig Hirn.

 

Wir feiern dieser Tage 30 Jahre Mauerfall in Berlin. Und wir erinnern voller Scham an die Pogrome gegen Menschen jüdischen Glaubens: „Kristallnacht“. Was hat Jesus dazu zu sagen? Wir erkennen die Zuspitzung der weltpolitischen Spannungen und wir sehen, wie auch heute Krieg geführt wird, zum Teil mit deutscher Beteiligung. Und ja, es gibt Gräber deutscher Soldaten aus jüngster Zeit ganz in unserer Nähe. Afghanistan. Von Frieden keine Spur.

 

Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; macht etwas Schönes für die, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen.

Dem, der dich auf die Backe schlägt, dem biete die andere auch dar;

und wer dir das Obergewand raubt, dem verweigere auch das Untergewand nicht. Jedem, der dich bittet, gib; und wer dir das Deine wegnimmt, von dem fordere es nicht zurück.

 

Keine Gegenwehr? Jesus, willst du uns ganz und gar hilflos haben? Machtlos? Ohnmächtig sollen wir miterleben, zusehen, was andere mit uns selbst oder an Gemeinheiten ausleben?

Im Zivildienst habe ich bei Männern mit einer geistigen Behinderung gearbeitet. Damals, in den frühen 1980er Jahren, hatte ich meine Bibel intensiv gelesen. Und mich gefragt, wie Jesus als Politiker gehandelt hätte. In der Wohngruppe mit zehn erwachsenen Männern war manches mal Gewalt ein Thema. Da ist einer mit dem falschen Bein aufgestanden, und schon flog mir der Frühstückstisch um die Ohren oder das Brotmesser zischte am Kopf vorbei. Manch einer der Profis im Erzieherdienst hat solche zorngeladenen Gewaltausbrüche mit körperlicher Gewalt beantwortet. „Wenn ich geschlagen werde, schlage ich zurück.“ So die Auskunft eines meiner älteren Kollegen. Ich habe es anders probiert. Wenn mich eine Hand im Gesicht erwischt hat, habe ich die Brille abgenommen, und die andere Backe hingehalten. Ich wollte wissen, ob Jesus recht behält.

Mein Eindruck im Rückblick: Am Verhalten der behinderten Männer konnte ich nicht viel ändern, meine Kollegen mit ihrem Zurückschlagen ebenso wenig. In der Summe aber war einfach weniger Gewalt im Raum.

 

Den Feind lieben: Wieviel schwieriger ist das, wo echte Feinde gegen das Leben agieren?

Ich habe oft den Kopf geschüttelt über die wehrlose Passivität, mit der Menschen jüdischen Glaubens auf die Übergriffe der Deutschen in den ganz dunklen Jahren unserer Geschichte geantwortet haben. Und ich konnte immer gut Nachempfinden, dass es im Warschauer Ghetto einen bewaffneten Aufstand gegen die SS gegeben hat – einen Aufstand ohne Aussicht auf Erfolg. Ich kann nach dieser deutschen Vernichtungspolitik nachvollziehen, dass eine Regierung Israels bis heute nur mittels ihrer Wehrhaftigkeit das Existenzrecht des Israelischen Staates durchsetzen kann.

 

Und ich stehe immer noch fassungslos vor dem massenhaften Morden in Srebrenica, das unter den Augen von UN-Soldaten geschehen konnte, ohne dass jemand dazwischen gegangen war. Ich habe größte Sympathie für Dietrich Bonhoeffers Haltung gegen die Hitlerregierung, man müsse dem Rad in die Speichen greifen. Das Rad anhalten, wo Unrecht sich Bahn schafft. Ich spüre meinen Ärger und meine Wut, wenn ich an Machtpolitiker wie Wladimir Putin, oder Recep Erdogan denke, aber auch an andere Egomanen wie Donald Trump oder Kronprinz Mohammad bin Salman von Saudi Arabien.

Ich spüre meinen Ärger, wenn ich an die Wir-zuerst-Politik unserer Tage denke, wie sie sich weltweit auszubreiten scheint. Jeder ist sich selbst der Nächste. Das ist die Botschaft unserer, wie früherer Tage. Von wegen: Liebe deine Feinde. Machtverzicht ist derzeit keine Option.

 

Und dann muss ich doch noch auf Berlin 1989 blicken. In Leipzig und andernorts gab es eine DDR-Friedensbewegung. „Schwerter zu Pflugscharen“ war ihr biblisches Motto. Es gab eine DDR-Umweltbewegung. Meist im Raum der Kirche. Trotz staatlicher Überwachung und Repression hatten Menschen den Mut, ohne Macht im Gepäck für ihre Überzeugungen und für ihren Glauben einzutreten. Und bei aller Beschwörung der Stärke der Deutsch-amerikanischen Freundschaft: Es war nicht das machtvolle Wort eines US-Präsidenten Ronald Reagan, sondern es war der Gewaltverzicht des russischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow, der ein Blutvergießen bei den Montagsdemonstrationen in der DDR verhinderte, und der dann die Wiedervereinigung gegen das Interesse des Warschauer Paktes ermöglicht hat: Ja, das Wunder von Berlin verdanken wir dem Verzicht auf Besitzansprüche des damaligen Ostblocks.

Und so könnten wir Frieden haben, wenn Russland auf die Krim und auf Donezk verzichten würde. Wir könnten Frieden haben, wenn Assad abgedankt und seine Regierung demokratischen Kräften überlassen hätte. Wir könnten Frieden oder wenigstens Entspannung haben, wenn das starke Amerika Russlands Schwäche nicht mit demütigenden Äußerungen und der Erweiterung der NATO beantwortet hätte. Wir könnten Frieden haben auf dem Schulhof und in den Betrieben, wenn wir miteinander statt hinten herum übereinander reden würden.

 

Wir könnten Frieden haben, wenn nicht jeder der Größte, der Stärkste, der Reichste, der Mächtigste sein wollte.

 

Ist Frieden möglich? Jesus fragt nicht danach. Er stellt eine andere, fremde Welt in unsere ganz reale Lebenswirklichkeit. Ja, es ist für Jesus etwas ganz Besonderes, wenn Christen -anders als alle anderen - Versöhnung leben. Es ist die besondere Nähe zu Gott, die Versöhnungshandeln möglich macht. Das Vertrauen, dass Gott es am Ende schon recht machen wird, ganz gleich, wie weltfremd wir uns zeigen. Es ist in Jesus selbst Gottes Reich, sein Verständnis von Macht, in unsere Welt hereingebrochen. Sein Reich ist ein Reich entwaffnender Liebe.

 

Kontrapunkt: Ja. Jesu Haltung ist ein Kontrapunkt der Dissonanz zu unserer Lebenserfahrung. Aber Jesu Haltung beschreibt die Konsonanz, den Zusammenklang mit seinem cantus firmus: Gottes Reich der Liebe. Das, was kommen soll, die Melodie, die Jesus trägt und die er in sich trägt, ist zeichenhaft schon da. Wie beim verzückten Lächeln des Dirigenten, „wenn es klingt“ bei der Posaunenchorprobe, wie bei der Freude am Miteinander und am gegenseitigen sich Verstehen von Jung und alt im Chor.

 

Ja, der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, und unser Tun, in Christus Jesus. Amen.

 

Lied: Gib uns Frieden jeden Tag, EG 425,1-3