Predigt

An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

 

Predigt zum Palmsonntag „Nähe ist nicht erlaubt“

Wochenspruch: Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Joh 3,14-15)

 

Psalm  EG 764 (Aus Philipper 2)

 

Lesung: Joh 12, 12-19: Der Einzug nach Jerusalem

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!

Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat.

Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

 

 

Predigt: Mk 14,3-9

Liebe Gemeinde,

Palmsonntag: Jesus zieht nach Jerusalem ein. Wenige Stunden vor oder nach diesem öffentlichkeitswirksamen Ereignis spielt sich in Bethanien, der kleinen Ortschaft draußen vor den Toren der Hauptstadt, in aller Stille eine bewegende Szene ab.

Von ihr berichtet unser Predigttext aus dem Markusevangelium, Kapitel 14, die Verse 3-9:

 

Und als Jesus in Bethanien war, im Hause Simons des Aussätzigen, und saß zu

Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbaren

Nardenöl. Und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.

Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können, und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit

Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen - zu ihrem Gedächtnis - was sie jetzt getan hat.

 

 

 

Liebe Mitchristinnen, liebe Mitchristen,

 

beides, was uns die Bibel für Palmsonntag erzählt, ist uns unter der Corona-Krise verboten:

Der Jubel in der Menschenmenge und die mit zarter Berührung gelebte Nähe zu einem Fremden.

 

Dabei ist es schon ein tolles Gefühl, wenn man im Kreis vieler begeistert feiern kann. Besonders gut tut es einem, wenn man selbst gelobt oder gar gefeiert wird. Sei es nach einem gewonnenen Fußballspiel, nach einer gelungenen Theateraufführung, nach einem ausdrucksstarken Konzert, ja auch nach einer bewegenden Konfirmation.

Applaus, Beifall, das tut gut. Das beflügelt einen, das motiviert zu neuen Taten. Umjubelt zu werden, das entschädigt für mancherlei Strapaze, die nötig war, einen solchen Erfolg zu erreichen.

Und wer selber nur eine Statistenrolle gespielt hat, der sonnt sich im Glanz des umjubelten Hauptdarstellers, mit dem er - Seite an Seite - auf der Bühne steht, auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Für die Jünger Jesu hatte Jerusalem die Welt bedeutet Jerusalem - das religiöse und politische Zentrum Israels.

Hierher waren sie ihrem Herrn gefolgt Sie erwarteten große Ereignisse in dieser Stadt. Simon Petrus hatte es stellvertretend für alle ausgesprochen:

“Du bist der Messias, der Christus. Du bist der König, den Gott auf seinem Thron haben will!“

Ja, darauf haben sie lange gewartet; dass Jesus den Thron Israels besteigen würde. “Dann wird sich alles ändern!“, haben sie sich gedacht “Dann wird Schluss sein mit all dem Leid, das unser Volk erdulden muss!“ Ja, dann haben auch wir wieder einen Wert!“

Und jetzt; nach langer, anstrengender Wanderschaft; waren sie endlich am Ziel. Vor ihnen lag die heilige Stadt.

In Bethanien, einem Vorort, haben sie Quartier genommen.

Und dann, am Morgen, der herrliche Einzug. Welch ein Empfang! Dieser Jubel! Schnell lassen sich die Jünger anstecken. Nur zu gerne sonnen sie sich im Triumph ihres Königs Jesus. Im Taumel der Begeisterung rufen sie einander zu: “heute ist der Tag gekommen; ab heute wird alles anders! “Schluss mit dieser heillosen Zeit“; “Jesus ist König!“

 

Bald haben sie das Stadttor erreicht; die erwartungsvolle Spannung könnte nicht größer sein.

Doch kaum haben sie den Torbogen durchschritten, da verblasst der Jubel, bis er schließlich im geschäftigen Durcheinander ganz verstummt.

Diese Enttäuschung! Die Leute in der Hauptstadt nehmen kaum Notiz von dem Mann auf dem Esel, geschweige denn von seinen Begleitern. Verloren kommen sie sich vor im Gewirr der Menschen und Gassen. Alles andere als eine verheißungsvolle Truppe begegnet uns da. In nichts unterscheiden sie sich von all den Touristen.

So sind sie froh, Petrus, Andreas und die andern, als sie am Abend nach Bethanien zurückkommen und der stolzen Stadt den Rücken kehren dürfen. Die Nacht wird furchtbar. Diese Demütigung! Keiner kann so richtig schlafen. “Wer ist Jesus wirklich?“ Haben wir uns so in ihm getäuscht?“ “Haben wir alle unsere Hoffnungen umsonst auf ihn gesetzt?“ Diese Fragen lassen die Jünger nicht zur Ruhe kommen.

 

Am nächsten Tag ist Jesus eingeladen. Allein. Die Jünger atmen auf. Nach dieser Blamage in Jerusalem sind sie nicht besonders scharf darauf, sich mit Jesus in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Simon, der Gastgeber, begrüßt Jesus an der Tür. Sein vernarbtes Gesicht lässt keinen Zweifel: Simon war einst an der Lepra erkrankt “Gott sei Dank“, sagt er, “Gott sei Dank ich bin die Krankheit schon seit Jahren los!“ Was wären wir froh, wenn wir die aktuelle Bedrohung der Gesundheit vieler los wären! Und: Und wieder treffen könnten, in aller Freiheit, auch bei privaten Gastgebern und in unseren Gasthäusern.

Simon führt seinen Gast in das erstaunlich helle Haus. Bunte Mosaikarbeiten schmücken die Wände. Kunstvoll gewobene Teppiche und grazile Möbel zeugen vom Wohlstand ihres Besitzers. “Die Geschäfte gehen gut“, antwortet Simon auf die fragenden Blicke Jesu. Was wären unsere Gastwirte und zahlreiche andere froh, wenn sie heute sagen könnten: Die Geschäfte gehen gut!

 

Und schon sind sie an der Festtafel angelangt. Gut gekleidete Männer haben sich am Tisch niedergelassen. Sie sind gespannt; Jesus näher kennenzulernen, denn einiges haben sie schon von ihm gehört.

Jesus wird gebeten, auch auf einem der Liegepolster Platz zu nehmen. Ihm liegen diese neumodischen römischen Tischsitten nicht besonders; vor allem in größeren Städten haben sie sich in den letzten Jahren eingebürgert.

Doch Jesus legt sich zu den anderen. Er will den Gastgeber nicht verletzen. Köstliche Speisen werden aufgetragen. Erlesene Weine werden kredenzt. Auch in diesem Haus ist etwas von der Feststimmung zu spüren. Freilich, an all den Pilgern, die zum Passafest nach Jerusalem kommen, lässt sich auch etwas verdienen.

So geht es fröhlich zu; manches Wort geht im Schmatzen der Gäste unter. Und über all den Delikatessen hat man Jesus, den Ehrengast, fast vergessen. Da tritt unbemerkt eine ärmlich gekleidete Frau in den Raum. Wortlos geht sie auf Jesus zu. In ihrer Hand trägt sie ein kleines, elfenbeinfarbenes Fläschchen.

 

‘Wo kommt die denn her?“, frägt einer der Gäste, ein Großgrundbesitzer,

seinen Tischnachbarn. “Wie kommt die hier rein?“

‘Dieses herrlich schimmernde Fläschchen! Das ist echter Alabaster aus Ägypten. Exquisit!“, erwidert der andere.

“Du musst es ja wissen, du handelst ja nur noch mit Kostbarkeiten“. Selbstbewusst tritt die Unbekannte an Jesus heran. Ihre Blicke treffen sich. Voll Mitgefühl sehen sie einander an. Anstatt wie üblich den Wachspfropfen herauszuziehen, zerbricht die Frau den Flaschenhals.

“Jetzt ist die wertvolle Flasche ein für allemal unbrauchbar!‘, entsetzt sich ein anderer Gast.

Da gießt die Unbekannte den ganzen Inhalt des Fläschchens auf Jesu Haupt. Und sogleich verbreitet sich ein wohltuender Duft.

“Echtes Nardenöl, flüstert der Kaufmann. Das kommt aus Indien. Pistazienöl mit dem Aroma kostbarer Blätter. Sündhaft teuer! Das ist mit Sicherheit über 300 Denare wert“. “Dafür müssen meine Tagelöhner ein Jahr hart arbeiten!“, tuschelt der Großgrundbesitzer zurück. Mit ihren von der Arbeit geschundenen Händen verstreicht die Frau das duftende Salböl in Jesu Haar. Das Öl wirkt wie Balsam auf ihrer rissigen Haut. Ein Hauch zärtlichen Friedens liegt über den beiden.

“Was macht sie da?‘, schreit plötzlich einer der Gäste. “So eine Verschwendung! Man hätte dieses Salböl für gutes Geld verkaufen können und damit die Armen unterstützen! Gerade jetzt am Passafest sollte uns die Armenfürsorge eine ernste Verpflichtung sein!“

“Vielleicht hat sie den König ihrer Träume zum Messias gesalbt“, witzelt spöttisch der Kaufmann.

“Der und ein König? Ein guter Witz! Wo sind denn seine Heerscharen. Die sind ihm heute Nacht wohl davongelaufen. Ein König! Dass ich nicht lache!“

Simon, dem Gastgeber, ist dieses Gespött zuwider. Wenn auch nur leise, hatte auch er bis gestern gehofft, mit Jesus könnte der Messias in die Hauptstadt kommen.

“Macht euch nicht lustig über die Verheißungen Gottes für unser Volk!“, schilt er seine Gäste.

Da blicken alle auf die Frau. Einige erheben sich von ihren Lagern und gehen voller Drohgebärden auf sie zu. Verschüchtert kauert sie sich mit dem Rücken zur Wand zusammen.

Jesus nimmt sie in Schutz: “Lasst sie“, sie hat ein Liebeswerk an mir getan. Außerdem, die Armen habt ihr allezeit bei euch; wenn immer ihr wollt könnt ihr ihnen Gutes tun!“

Simon spürt wie seine Gäste peinlich berührt von der Frau ablassen. Keiner dieser reichen Männer hätte wirklich 300 Denare an die Armen verteilt. Umso härter trifft sie der nächste Satz Jesu: “Sie hat getan, was sie tun konnte!“

 

Jesus richtet die Frau wieder auf. Ein dankbares Lächeln legt sich auf ihre Lippen. Ja, Jesus war ihr Messias!

“Seht sie an; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ Da erschrickt die Frau, sie zittert am ganzen Leib; fragend blickt sie Jesus in die Augen; spricht er vom Tod? Muss er denn sterben? Das kann doch nicht sein. Was wird dann aus uns? Nein, Jesus, der Messias, darf nicht sterben!“ Der Mann, auf den sie und so viele Frauen und Männer aus Bethanien ihre Hoffnungen gesetzt hatten, er spricht vom Sterben! Traurig, hilflos sieht sie Jesus an. Den Mann, den sie zum König gesalbt hat; soll sie zum Begräbnis balsamiert haben! Unendlich lang werden die Sekunden. Doch dann spürt sie, wie sich ihre Verkrampfungen lösen. In ihrem Schmerz ist Jesus ihr nahe wie kein Mensch je zuvor. Er streicht ihr die Tränen von den Wangen. Sein verständnisvoller Blick gibt ihr in ihrer Verzweiflung neue Kraft. Die Fragen bleiben, aber Jesus hat sie getröstet. Mitten in der Verzweiflung liegt eine Nähe, die heil macht.

Die Begegnung mit Jesus hat sie verändert. Ihre Lebenssituation bleibt die alte, aber sie geht mit neuem Mut hinaus in ihren Alltag. Seit heute weiß sie, dass es einen Menschen gibt, der ihre Tränen kennt, einen Menschen, der weiß, wie sehr es weh tut, vom Leben Abschied nehmen zu müssen. Sie weiß, dass der Schmerz des Abschieds sie und Jesus verbindet Sie weiß, dass in diesem Menschen Gott sie verstanden und angenommen hat in all ihrem Leid, in all ihrer Trauer, mit ihrer ganzen Sehnsucht nach einem heilen Leben.

Gott lässt sie mit ihrer Sehnsucht nicht allein. Amen.

 

 

In der Tat ist die Freiheit - Predigtreihe zu Dietrich Bonhoeffer auch in Corona-Zeiten

Dietrich Bonhoeffer wurde am Morgen des 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg am Galgen ermordet. Ein Standgericht der SS hatte am Vortag auf Hitlers ausdrücklichen Willen hin das Urteil gesprochen, das (erst) am 6. August 1996 vom Landgericht Berlin aufgehoben wurde. Der Versuch, Bonhoeffer den Rest seiner Würde zu rauben, (er musste nackt an den Galgen treten) ist dem Zeugnis des SS Lagerarztes[1] zufolge an Bonhoeffers Glaube gescheitert.

 

Der Theologe Bonhoeffer ließ sich durch seine für ein Deutschland nach dem Kriege wertvollen Auslandskontakte zum Anschluss an die Widerstandsbewegung gegen Hitler überzeugen. Ein großer Teil seiner Familie war hier eingebunden. In den zwei Jahren Haft schrieb Bonhoeffer enorm viele Briefe, und er entwarf manchen Gedanken für eine Theologische Schrift. Schon vor dem Krieg und noch, als über ihn ein Rede-, Schreib- und Lehrverbot verhängt wurde, war Bonhoeffer in der Ausbildung junger Theologen engagagiert. Für das Nachkriegsdeutschland wurde Bonhoeffer ein wichtiger Impulsgeber, lebend hätte er sicher eine noch größere Wirkung entfaltet. In der Ökumene wird Bonhoeffer als Märtyrer respektiert.

 

Auf den Folgeseiten finden Sie drei Beiträge in Anlehnung zu Dietrich Bonhoeffer:

 

 

Von der Dummheit[2]: Predigt am 15. März 2020 in der Stadtkirche Murrhardt

Pfarrer Dr. Hans Joachim Stein, Klosterhof 10, 71540 Murrhardt, 07192 931970

 

1933 – in Deutschland ergreift Adolf Hitler die Macht. Zehn Jahre danach zieht Dietrich Bonhoeffer Bilanz. Die Bilanz ist zugleich eine Art Rechenschaftsbericht. Bonhoeffer legt darüber Rechenschaft ab, wie sein Weg in den gewaltsamen Widerstand gegen das NS-Regime führen konnte.

Ein Abschnitt aus dieser Bilanz hat mich besonders angesprochen. Er hat mich überrascht, aufgerüttelt, nachdenklich gemacht. Bonhoeffer schreibt hier von – der Dummheit. Nicht von der Bosheit schreibt Bonhoeffer, was ich eher vermutet hätte, sondern von der Dummheit. Dummheit ist in seinen Augen sogar viel gefährlicher als Bosheit. Ich lese Auszüge aus seinem Text. Sie können sie mitlesen. Bonhoeffer schreibt:

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern, … Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden … Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden … Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos … Die Dummheit ist nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind … Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, dass die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als dass unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, dass abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende Menschen und Menschengruppen … Der Vorgang ist dabei nicht der, dass bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern dass … dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Missbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können. Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, dass nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte … Das Wort der Bibel, dass die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, dass die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.

Dummheit ist für Bonhoeffer kein intellektueller, sondern ein menschlicher Mangel. Dummheit hat nichts mit Schulnoten zu tun. Den Dummen erkennen wir nicht am schlechten Zeugnis. Umgekehrt gilt: Auch die Klugheit hat nichts mit Schulnoten zu tun. Auch den Klugen erkennen wir nicht am Zeugnis. Ein Hochschullehrer kann viel Wissen haben und trotzdem dumm sein. Ein Müllarbeiter kann die Schule ohne Abschluss verlassen haben und trotzdem klug sein.

Dummheit ist für Bonhoeffer keine Frage der Schulbildung, sondern – ich sage es einmal so – der Herzensbildung. Was meine ich damit? Der Kluge hat eine innere Mitte, aus der heraus er lebt. Der Dumme nicht. Der Kluge hat einen inneren Kompass, der ihm Orientierung gibt. Der Dumme nicht. Der Kluge ist innerlich selbständig – er denkt selbständig, er äußert seine Meinung selbständig, er handelt selbständig. Der Dumme nicht. Der Dumme macht sich abhängig. Von der öffentlichen Meinung, vom Zeitgeist, von Gruppen. Der Kluge ist eine in sich selbst ruhende und gefestigte Persönlichkeit. Der Dumme nicht. Er schwankt und lässt sich treiben.

Dummheit breitet sich also vor allem da aus, wo Menschen ihre innere Eigenständigkeit aufgeben. Wo sie sich in einer Gruppe verstecken, nicht selber denken, sondern die Gruppe denken lassen, sich nicht selber eine Meinung bilden, sondern die Gruppenmeinung nachplappern.

Bonhoeffer hat im Dritten Reich genau das erfahren. Ein ganzes Volk hat sich von einem charismatisch auftretenden Führer verblenden lassen. Bauern und Professoren, Pfarrer und Fabrikarbeiter, Großeltern und Kinder – alle haben mitgemacht. Sie haben einer Rassenlehre Glauben geschenkt, die jedem gesunden Menschenverstand widerspricht. Sie haben einem Führer zugejubelt, der bereit war, alle in den Untergang zu führen. Sie haben bemerkt, dass ihre jüdischen Nachbarn verschwanden, aber sich geweigert, hinzuschauen oder nachzufragen. Eine große Masse hat sich dumm machen lassen.

Ich glaube, dass Bonhoeffer damit etwas sehr Grundsätzliches erkannt hat. Die Dummheit ist nicht nur ein geschichtlich vergangenes Problem. Die Dummheit auch heute noch ein Problem. Sie ist heute aber anders als früher nicht so sehr auf den Straßen und Plätzen unterwegs, sondern vor allem im Internet. Facebook, YouTube, WhatsApp und wie sie alle heißen – sie sorgen für eine massenweise Ausbreitung der Dummheit. Da werden Fakten verdreht und Verschwörungstheorien verbreitet. Und die Klugen stehen hilflos davor und reden sich den Mund fusselig. Doch wie Bonhoeffer schon erkannt hat: Mit Argumenten ist nichts mehr zu machen, so sehr sind die Dummen gefangen in ihrer Blase.

Ich glaube, auch die Panik um das Corona-Virus wäre unterblieben, wenn sie sich nicht über die Medien und sozialen Netzwerke hochgeschaukelt hätte. Das Radio bringt die Todeszahlen im Halbstundentakt. Wer nicht ausschalten kann, wird verrückt, noch bevor er das Virus bekommt. Und natürlich kursiert jede Menge Halbwissen oder Esoterik: Wie der Antisemitismusbeauftragte Baden-Württembergs Michael Blume im Deutschlandfunk erzählte, kursiert sogar schon das Gerücht, dass die Juden das Virus in die Welt gesetzt hätten. Natürlich, die Juden sind wieder einmal an allem schuld.

Wie kommen wir der Dummheit bei? Bonhoeffer glaubt nicht an eine Bildungsoffensive. Bonhoeffer glaubt, dass keine Belehrung oder Aufklärung Abhilfe schaffen kann. Bonhoeffer glaubt nur an einen Akt der Befreiung. Er zitiert einen Satz aus der Bibel: „Die Furcht Gottes ist der Anfang der Weisheit.“ Die Klugheit beginnt nicht mit klugen Einsichten, sondern mit der Furcht Gottes. Was heißt das? Wer Gott fürchtet, der schaut auf Gott. Der schaut nicht auf die anderen, der schaut auf Gott. Der wendet sich ab von allen, die auf ihn einreden und ihn einlullen, und schaut auf Gott. Im Schauen auf Gott erkennen wir unsere Dummheit, unsere fatale Fehleinschätzung der Wirklichkeit. Und wir erkennen, wozu Gott uns berufen hat: zu einem verantwortlichen Leben.

Bonhoeffer führte die Gottesfurcht in den Widerstand gegen Hitler. Wohin führt sie uns? In den Widerstand gegen die Panik, in den Widerstand gegen die Smartphone-Epidemie, in den Widerstand gegen Falschmeldungen und Verschwörungstheorien. Lassen wir uns nicht länger für dumm verkaufen. Übernehmen wir Verantwortung. Lassen wir uns befreien zu einem verantwortlichen Leben vor Gott.

Amen.

 

 

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„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“[3]

 Pfarrer Steffen Kaltenbach, Blumenstraße 9, 71540 Fornsbach, 07192 5257

 

 

Dietrich Bonhoeffer: Christen und Heiden[4] (Juli 1944)

 

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.
Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.
Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.

 

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“ (WuE, BW8 560).

 

Liebe Gemeinde,

Dietrich Bonhoeffer soll uns auch in diese, uns ganz anders als ihn herausfordernde Zeit hinein etwas zu sagen haben. An seine Kirche, an die Verantwortlichen der Kirche hatte er oft gedacht in den Zeiten der Haft vom 5.4.1943 bis zu seinem Tod am Galgen am 9. April 1945. Und er dachte an junge Theologen, die er selbst in früheren Jahren in einem Predigerseminar der Bekennenden Kirche ausgebildet hatte, zuletzt unter konspirativen Bedingungen: Sowohl das Predigerseminar als auch sein eigenes Lehren und Schreiben waren verboten worden. Bonhoeffer macht sich Gedanken, wie es nach dem Krieg mit seiner Kirche weitergehen soll. An das Ende des Krieges denkt er längst. In die Widerstandsgruppe um Admiral Canaris hat er sich seiner Auslandbeziehungen wegen einbinden lassen, ein großer Teil seiner Familie steht unter Anklage. Wie Claus von Staufenberg denkt er nicht nur an den Tod des „Führers“, sondern auch an die Notwendigkeit, die Zeit nach Hitler zu gestalten.

 

So schreibt er im Gefängnis zahlreiche Briefe, die einen ganzen Band seiner Werke füllen werden: Unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ werden sie von seinem Freund Eberhard Bethge später veröffentlicht.

 

Widerstand und Ergebung: Schon dieses spannungsgeladene Wortpaar kann uns in Zeiten der Corona-Bedrohung Impulse geben.

 

Aber zuerst Bonhoeffer. Er schreibt im August 1944, also nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler und nach der ersten Hinrichtungswelle gegen die Widerstandsverantwortlichen in einem Brief an Bethge den Entwurf einer Schrift zur Kirche. Anknüpfen kann er dabei an das Thema seiner Doktorarbeit, die schon 17 Jahre zurückliegt: Sanctorum communio. Eine Untersuchung zur Soziologie der Kirche.

Jetzt aber, im Jahr 1944 wird es konkret: Bonhoeffer will mit einer Bestandsaufnahme starten. Wie stellt sich Kirche heute dar? Und wie der Mensch? Bonhoeffer sieht seine Mitmenschen als mündige Bürger, die das Leben absichern wollen gegen Schicksalsschläge von außen. Wo solche nicht verhindert werden können, suchen wir uns zu versichern, um die Folgen abzumildern, wenn uns etwas trifft. Im Kern will der Mensch sich unabhängig machen von der Natur, nicht durch die Kraft der Seele, wie Bonhoeffer es nennt, sondern durch die Organisation des Lebens. Doch am Ende machen wir uns zu Sklaven unserer selbst gewählten Organisation unseres Lebens. Der Mensch, auf sich selbst gestellt, sucht dann wieder Hilfe bei Gott, den er allerdings für überflüssig erklärt hat. Und jetzt tritt die Kirche auf den Plan:

Die einen suchen im Pietismus den Glauben als Religion zu erhalten, ein sich im Glauben aneinander klammern. Die Andern versuchen die Kirche als Heilsanstalt zu retten, als Hüterin von Wort und Sakrament. Die Bekennende Kirche sieht Bonhoeffer als Zeugin des sich zeigenden Gottes gegenüber der Welt, die Gott um einen Standpunkt bittet, von dem aus sie die Welt verändern kann. Man trete für die Sache ein, aber Jesus entschwinde aus dem Blick, der persönliche Christusglaube fehle. Die Kirche sei mit schweren, überkommenen Gedanken belastet. Sie befinde sich in der Selbstverteidigung, es fehlt am Wagnis für andere.

 

Dann kommt Bonhoeffer zu Christus, den er als Jesus von Nazareth für unseren Glauben stark machen will. Ein allgemeiner Gottesglaube ist oft nur die Verlängerung dessen, was wir denken können: Gottes Allmacht nennt er als Beispiel. Ganz anders sieht Bonhoeffer die Begegnung mit dem Christus Jesus. Bei Jesus wird alles menschliche Sein auf den Kopf gestellt, kehrt es sich um. Weil Jesus nur für andere da ist. Glaube ist nicht unser Weiterdenken von einem allgemeinen Begriff Gott her, sondern Glaube ist das Teilnehmen an Jesu Haltung, für andere da zu sein. In seinem Kommen in die Welt, in seinem Tod am Kreuz und in Jesu Auferstehung von den Toten zeigt sich Gott selbst. Und nicht anders. Bonhoeffer schreibt: „Unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im Dasein für andere“, in der Teilnahme am Sein Jesu.“ Jesus kann uns also ganz konkret zum Vorbild werden. Dieser Vorbildcharakter Jesu sei der Kirche fast ganz abhanden gekommen.

Aus der Begegnung mit dem konkreten Menschen Jesus entspringt das Christentum. Gott kommt in Menschengestalt, der „Mensch für andere“. Darum der Gekreuzigte.

 

Bonhoeffer erkennt in der innerkirchlichen Debatte alte, überholte Streitigkeiten um Traditionen, die wir heute vielleicht sogar als Spitzfindigkeiten, Wortklaubereien oder theologische Haarspalterei bezeichnen könnten.

Davon will er sich verabschieden. Kirche darf sich nicht mit sich selbst beschäftigen. Sie ist nur dann Kirche, wenn sie Kirche für andere ist. Wie Jesus der ist, der für andere da ist.

„Nicht in Organisationen, nicht in Dogmen, nicht in Liturgien, nicht in frommen Herzen wir die Einheit der Kirche bestehen, sondern im Wort, in der Stimme Christi.“

Kirche müsse deshalb bei sich selbst anfangen: Alles Vermögen den Armen schenken, Pfarrer müssen allein von Spenden oder von einem Zweitberuf leben. Kirche muss am weltlichen Zusammenleben teilnehmen, nicht von oben herab belehrend, sondern helfend und dienend. Kirche muss allen Menschen in allen Berufen sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt „für andere da zu sein“.

 

Liebe Gemeinde, sehr theoretisch kommt meine Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer vielleicht daher. Wir haben gestern die Goldene Konfirmation abgesagt, und dass wir heute noch Gottesdienst feiern, zusammen und unter einem Dach, ist schon eine Besonderheit. Die kommenden Wochen soll das gesamte öffentliche Leben pausieren. Die Gefahr zu vereinzeln steigt.

In der Schweiz wurde in der Neuen Zürcher Zeitung zu Wochenbeginn in einem Stammbaum dargestellt, wer sich von wem hat anstecken lassen. Die Botschaft: Das Virus kam über die Alpen. Frei übersetzt: Andere sich schuld. Sichern wir uns ab durch Abriegelung. Auf einer Bodenseeinsel war gestern in so genannten „sozialen Netzwerken“ von der Suche nach dem Namen und der Adresse des ersten dort infizierten Menschen zu lesen. Man will wissen, wo er wohnt, damit man ihm aus dem Weg gehen kann.

 

Wie sich das Coronavirus weiterverbreitet, wissen wir nicht. Wenn wir nichts tun, dann geht es so schnell, dass unsere Kliniken und Ärzte nicht mehr allen helfen können. Auch weil wir unser Gesundheitswesen seit Jahren kaputtsparen. Schon vor Corona waren zahlreiche Intensivbetten nicht mehr zu belegen, weil es an Pflegekräften fehlt.

 

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“. Weil Christus für andere da ist. Für die Leprakranken seiner Zeit wie für die Corona-infizierten Menschen heute.

 

Als Kirche dienend für die Welt da zu sein, kann heißen, dass wir nicht jetzt mit allen anderen den moralischen Zeigefinger des Pflegenotstands erheben, dass wir aber nach dem Abklingen der Krise dafür sorgen, dass es eine Wende auch in der Wertschätzung und in der Bezahlung der Pflege gibt.

 

Wir werden viel Geduld brauchen, Fachleute lassen mich schon an Weihnachten denken.

Was aus unseren Zusammenleben werden wird, haben wir in der Hand: Verantwortungsvoll die Ansteckungsgeschwindigkeit bremsen, indem wir auf einen Kontakt größter körperlicher Nähe verzichten. Das trifft vor allem alle Kranken und die jetzt schon einsamen Menschen. Deshalb müssen wir umso enger Zusammenstehen, mit einen Telefonanruf, einer alten Postkarte im Briefkasten des Nachbarn, einer körperlich distanzierteren, aber doch fühlbaren Nähe. Und wer weiß, vielleicht denken wir in diesen Zeiten auch mal an Menschen, die uns aus dem Blick geraten waren. Oder die ganz neu in unseren Blick kommen.

 

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“. Weil Jesus Christus für andere da ist, und sei es für uns selbst. Amen.

 

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Von guten Mächten[5]

Vikar Christian Schmitt, Spielhofstraße 4, 71540 Kirchenkirnberg, 07184 291049

 

 

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“

Dieser Satz mag sich in Zeiten der Krise naiv, floskelhaft und leer anhören, wie eine Vertröstung oder als wolle man sich etwas einreden, das nicht stimmt. „Wunderbar geborgen“? „Bedroht“, trifft es wohl eher, von einem unsichtbarer Feind, der uns scheinbar von allen Seiten umgibt. Straßen, Spielplätze, Parks sind leer. Gottesdienste fallen aus und Schulen sind geschlossen. Vor die Tür geht man nur noch, wenn es sein muss. Umarmungen, Hände schütteln, all das ist fragwürdig geworden. Und trifft man sich doch zufällig in einem Supermarkt, heißt es, mindestens eineinhalb Meter Abstand halten. Das was uns als Menschen ausmacht, nämlich unser soziales Wesen, wendet sich plötzlich gegen uns und wird uns gefährlich. Unser Instinkt rät uns in Gefahrensituation zusammenzurücken, Zuflucht in der Herde zu suchen, doch in diesen Zeiten müssen wir genau das Gegenteil tun. In ihrer Ansprache an die Nation, erklärt die Bundeskanzlerin die Corona-Pandemie zur größten Herausforderung für uns als Land, seit dem zweiten Weltkrieg.

Und genau aus dieser Zeit, aus der Zeit des zweiten Weltkriegs dringt dieses Satz am Anfang zu uns in die Gegenwart. Dieser Satz ist alles andere als flach, leer oder naiv. Er ist vor 75 Jahren gesprochen worden, von einem Mann, der seit zwei Jahren in Haft saß und kurz vor seinem Todesurteil stand. Dietrich Bonhoeffer. Er war seit Jahren isoliert von seinen Liebsten, hatte nur durch Briefe Kontakt mit ihnen. Er sehnte sich danach, sie alle wiederzusehen und mit ihnen Silvester zu feiern. Allerdings blieben diese Wünsche unerfüllt. Aus dieser verzweifelten Situation heraus verfasste Dietrich Bonhoeffer dieses berühmte Gedicht für seine Familie, um ihnen Mut zu machen. Dietrich Bonhoeffer ist für mich ein leuchtendes Zeugnis dafür, dass unser Glaube eben nicht leer und naiv ist, sondern dass in ihm Kraft steckt, ein Halt, eine Geborgenheit, die uns grade in Krisenzeiten tragen kann.

Und genau das ist jetzt wichtig. Auch wenn die Situation ernst ist, dürfen und können wir gelassen sein und einen ruhigen Kopf behalten, weil wir in allem getragen und gehalten sind von unserm Gott. Und er wird uns auch durch diese Situation führen, als Familie, als Gemeinde, als Land und als Weltenbürger. Gerade jetzt ist es wichtig Panik zu vermeiden und Ruhe zu bewahren. Ich wünsche uns allen, dass wir in dieser Zeit in unserem Glauben wieder neu Mut, Trost und Kraft finden. Denn, um es mit Worten Dietrich Bonhoeffers zu sagen: „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Gott behüte sie.

 

1. Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben

und mit euch gehen in ein neues Jahr.

 

2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last.

Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen

das Heil, für das du uns geschaffen hast.

 

3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern

des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

aus deiner guten und geliebten Hand.

 

4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken

an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,

dann wolln wir des Vergangenen gedenken,

und dann gehört dir unser Leben ganz.

 

5. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,

die du in unsre Dunkelheit gebracht,

führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.

Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

 

6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,

so lass uns hören jenen vollen Klang

der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,

all deiner Kinder hohen Lobgesang.

 

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 


[1] Hermann Fischer-Hüllstrung

[2] Aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Werke Band 8, 1998 (2015) S. 26-28.

[3] Aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Werke Band 8, 1998 (2015) S. 560

[4] Aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Werke Band 8, 1998 (2015) S. 515

[5] Aus: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Werke Band 8, 1998 (2015) S. 607-608.