Predigt

An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

 

Gottesdienst zum Sonntag Sexagesimae 16.2.2020,

10.45 Uhr Evang. Kirche Kirchenkirnberg

Mit der Feier des Hl. Abendmahls in beiden Kirchen

 

Wochenspruch: Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht,..Heb 3,15

 

Lied: Er weckt mich alle Morgen, EG 452,1-3+5

 

Psalm 111 (EG 744), ( „Ehr sei …“).

 

Liedstrophe: Öffne meine Augen, EG 176

 

Lesung: Lukas 8,4-8

Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis:

Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf.

Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte.

Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's.

Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

Lied: Mache mich zum guten Lande (Tut mir auf …), EG 166,4+5

 

Predigt: Hes 2,1-7.8-10;3,1-3

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, tritt auf deine Füße, so will ich mit dir reden.

Und als er so mit mir redete, kam Leben in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den Israeliten, zu dem abtrünnigen Volk, das von mir abtrünnig geworden ist. Sie und ihre Väter haben bis auf diesen heutigen Tag wider mich gesündigt.

Und die Söhne, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!«

Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen ist.

Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde.

Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle.

Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel!

Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen

und sprach zu mir: Du Menschenkind, du musst diese Schriftrolle, die ich dir gebe, in dich hineinessen und deinen Leib damit füllen. Da aß ich sie und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.

 

Liebe Gemeinde,

in meinen Kindheitstagen gab es ein Lebensmittelgeschäft in der unmittelbaren Nachbarschaft. Da konnte man noch Zucker oder Salz aus einem großen Holzschrank voller Schubladen kaufen, da gab es zwar schon ein Selbstbedienungsregal, aber abgerechnet wurde am großen Ladentisch, hinter dem die Besitzerin, Frau Gentholz, stand. Es war die Zeit der Rabattmarken, die man säuberlich in ein Heft kleben konnte, das, wenn es voll war, 1,50 DM eingebracht hat. Für uns Kinder war das Beste, dass Frau Gentholz auch Süßigkeiten zu verkaufen hatte. Wenn auch nicht mehr ganz genau, so erinnere ich mich doch daran, dass es dort ein besonderes Papier zu kaufen gab, eines das man essen konnte. Aus Weizenmehl und Stärke gefertigt, oft rosa oder orangefarben eingefärbt hatte es einen wie auch immer fahlen oder auch etwas fruchtigen Geschmack. Kein Genuss, gegenüber anderen Süßigkeiten, aber das Besondere war ja, dass man da Papier essen konnte. Und wenn ich mich recht erinnere, hinterließ dieses Esspapier für eine Weile einen Farbton auf der Zunge. Heute gibt es so etwas ähnliches auch wieder, vor allem für die, die ihre Zunge absichtlich mit einem Tattoo einfärben wollen.

Esspapier: Es hatte bei mir seine Faszination, weil man da gedachte Botschaften im Mund auflösen und gefahrlos schlucken konnte.

 

Später waren es in Agentenfilmen aus der Zeit des kalten Krieges Spione aus fremden Ländern, die ihre Geheimbotschaft mit den Zähnen zermalmen und dann hinunterschlucken mussten, wenn sie auf frischer Tat ertappt die wichtigsten Beweisstücke ihres kriminellen Tuns vernichten mussten. In heutigen Filmen lassen Spione Speicherkarten im Mundraum verschwinden, um Beweise gegen sich selbst und andere dem Zugriff des Feindes zu entziehen.

 

Und dann denke ich an politische oder religiöse Unterdrückungssysteme, die Menschen zum Schlucken von Botschaften zwangen. Mein mir bekanntestes Beispiel sind die Waldenser, die ihre Bibelworte auf kleinen Zetteln in Miniaturschrift handgeschrieben im Gürtel oder anderswo versteckt mit sich trugen, und die im Verhaftungsfall wohl oft die Bibelworte verspeisen mussten, weil ihnen, mit dem Bibelwort ergriffen, der Scheiterhaufen für Ketzer drohte.

In all meinen Erinnerungen geht es um das Verschwindenlassen von Botschaften, die nicht für jede und jeden bestimmt waren, die geheim bleiben sollten.

 

Bei Hesekiel ist das anders. Die Worte, die er vorgesetzt bekommt, gelten den Menschen aus Israel. Und sie sind alles andere als bequeme, wohltuende Worte. Diese Worte Gottes an sein Volk gehören gehört. Klage, weh und Ach. Gott will zu Gehör bringen, dass ihn sein Volk jammert. Aber statt seine Klage laut hinausschreiben zu lassen, gibt Gott seinem Propheten Hesekiel eine ganze Schriftrolle zu kauen und zu essen.

 

Doch lasst uns einen Moment die Geschichte anhalten.

Hesekiel sitzt am Ufer eines Kanals, dessen Wasser nicht der Jordan, sondern der Euphrat speist. Hesekiel ist in der Babylonischen Verbannung angekommen. Die Geschichte hatte sich gegen sein Volk Israel gewendet. Ein eigener Staat: Das war einmal. In Babylon sitzen sie jetzt: Alle die Gebildeten, alle, die einst Macht hatten. Und Hesekiel als Priestersohn ist mitten unter ihnen.

König und Volk waren in einer nationalen Begeisterung falsche Koalitionen eingegangen, wollten selbst wieder stark sein. Israel den Israeliten! Jerusalem first! Aber König und Volk haben ihre Rechnung ohne die wahrhaft Mächtigen gemacht: Der nationalen Erhebung folgten Krieg und Zerstörung. Nichts war mehr wie es einmal war. Selbst Gottes Tempel in Jersualem war ein Trümmerfeld, dem Erdboden gleichgemacht. Hesekiel wird später sagen müssen: Gott ist ausgezogen aus seinem Heiligtum; er schaut von gegenüber zu, wie sein Volk sich dem Untergang weiht. Hesekiel wird sagen müssen: In eurer Selbstüberheblichkeit habt ihr euch auf Tempel und Palast verlassen, auf Gott und den König, aber Gott war nicht auf eurer Seite! Ihr habt das gewusst, aber ihr habt es nicht hören wollen.

 

Hesekiel könnte resignieren. Einpacken. Für immer.

Und dann erlebt er eine Vision, die ihm den Himmel öffnet. Gott kommt ihm im offenen Himmel sichtbar nah. Hesekiel wird darüber berichten. Am Ende fällt er zu Boden, und hört eine Stimme. Und die spricht ihn an: Steh auf. Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten. Zum Haus des Widerspruchs.

Mache dich selbst nicht zu einem Teil dieses Hauses der Widerspenstigkeit. Iss.

Diese Schriftrolle voll Weh und Ach, voll Klage. Hesekiel kann schon lesen, was er da essen soll: Diese Schriftrolle ist anders als alle andern auch außen beschrieben. Totenklage – dieses Wort erfasst sein Auge.

Gott sieht nichts lebendiges mehr in seinem Volk. Kein offenes Ohr, keine Tatkraft, keinen Entscheidungswillen.

 

Es wird verhallen, was Hesekiel zu sagen hat, es wird keine Wirkung entfalten, in diesem Moment, vielleicht für viele Jahre.

 

Darum iss. Das Schrift gewordene Wort soll im Körper des Propheten zu einem Material auf Zukunft werden.

Schrift: Ja, es lohnt jetzt, für zukünftige Generationen Gottes Wort aufzuschreiben! Denn dieses Volk hat Zukunft, auch wenn jetzt nichts zu sehen ist davon.

Und Iss: Im Menschenkind wird das Wort Gottes Fleisch. Stoff der Lebendigkeit. Auf immer verbunden mit ihm selbst. Wie später mit Christus.

 

Das Wort wird körperlich. Es kann nicht einfach so verhallen. Es wird sichtbar im Zeugen für Gottes Wort und es wird spürbar für den Zeugen selbst. Wenn schon altes Esspapier nicht wirklich gut schmeckt, dann erst recht nicht diese Schriftrolle.

Zumal ihre Botschaft bitter ist für die Hörer wie für den mit seinen Leuten solidarischen Propheten.

Und doch: Im Munde des Propheten schmecken diese Worte süß, süß wie Honig.

·       Weil Gott nicht ganz und gar verstummt. Weil er das Schweigen durchbricht. Auch wenn Gott sich jetzt kein Gehör erhofft.

·       Diese Worte schmecken süß, weil es Gottes Worte sind. Mit aller bitteren Wahrheit. Aber seine Sicht der Dinge. Und sein Mitgefühl: Weh, Ach und Klage. Gott ist sein Volk nicht gleich. Er leidet an und mit den Menschen.

·       Diese Worte schmecken süß, weil sie auf Zukunft hoffen: Aufgeschrieben für Menschen mit offenem Ohr. Für die, die Gottes Wahrheit verkraften, und für die, die sich nach Gottes Wahrheit sehnen.

Jesus versammelt zahlreiche Menschen um sein Wort. Wer Ohren hat zu hören, der oder die höre. Amen.

 

Lied: Komm, sag es allen weiter, EG 225,1-3