Predigt

An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

 

Familien-Bande

Gottesdienst zum 13. Sonntag n. Trinitatis 15.9.2019,

9.15 Uhr Evang. Kirche Kirchenkirnberg

Mit Taufen

 

Wochenspruch:  Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern (Geschwistern), das habt ihr mir getan. Mt 25,40

 

Psalm 36 (EG 719)

HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,

und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.

Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes /

und dein Recht wie die große Tiefe.

HERR, du hilfst Menschen und Tieren.

Wie köstlich ist deine Güte, Gott,

dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!

Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,

und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,

und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

 

Lesung: Mk 10,13-16 (Gute Nachricht Bibel)

Einige Leute wollten ihre Kinder zu Jesus bringen, damit er sie berühre; aber seine Jünger fuhren sie an und wollten sie wegschicken. Als Jesus das bemerkte, wurde er zornig und sagte zu den Jüngern: »Lasst die Kinder doch zu mir kommen und hindert sie nicht daran; denn für Menschen wie sie steht Gottes neue Welt offen. Ich versichere euch: Wer sich Gottes neue Welt nicht schenken lässt wie ein Kind, wird niemals hineinkommen.« Dann nahm er die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.

 

Lied: Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt, EG 182: Kehrvers, Str.2.4.5 Kehrvers

 

Predigt: Mk 3,31-35 („Familien-Bande“)

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?

Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

 

Liebe Gemeinde,

wie schön kann das Leben sein mit einem kleinen Kind als neuem Familienmittelpunkt, einem Menschenkind, das sichtbar neugierig die Welt um sich herum erkundet, das mit seinem Freudenschrei oder auch mit einem leisen Glucksen die volle Aufmerksamkeit erhält, das aller Augen als achtsame Begleiter auf ersten Krabbelwegen auf sich gerichtet wissen kann. Wie schön mag es sein, dieses kleine Menschenkind Haut an Haut auf sich zu spüren, unter einer gemeinsamen Kuscheldecke. Wie schön mag es sein, erste Steh-, Geh-, und auch Artikulationsversuche mitzuerleben. Wieviel Freude und wieviel Liebe mag dieses Kind ausstrahlen, dass Mama und Papa dafür sogar schlaflose Nächte und massiv verringerte Freizeitaktivitäten in Kauf nehmen.

 

Wehmütig schon erlebe ich manches Elternteil, wenn es drum geht, den kleinen Sprössling am Kindergartentor in fremde Hände zu geben, und wenn es nur für ein paar Stunden ist. Eine seltsame Spannung zwischen mitleidigem Mitgefühl und einer milden Form der Schadenfreude habe ich bei der Einschulung aus manchem Eltern- oder Großelternmund vernommen: „Bei uns war das nicht so feierlich, da wurde nicht so ein Zinnober drum herum gemacht, mich hat man einfach in die Schule geschickt, Mama ging vielleicht noch bis zum Schulhoftor mit. Aber jetzt beginnt auch für unseren Kleinen der Ernst des Lebens.“ Und eine Mischung aus eigenen positiven wie negativen Schulerinnerungen wird auf dieses noch unwissende Menschenkind übertragen in der Hoffnung: „Er oder sie wird es schon packen.“ Wer weiß, wie viele Kinder schon das Bildungsziel der Eltern in der Schultüte haben: Das Abitur mit einer „1“ vor dem Komma muss schon sein.

 

Die Grundschulzeit – sie bringt frühe Auseinandersetzungen mit sich. Unlust beim Lernen, manchmal bis zur Schulverweigerung, aber auch, dass Freunde wichtiger sind als das pünktliche Nachhausekommen: Allerlei kann man da erleben. Auch so etwas wie eine Frühpubertät.

 

Und dann erst die Zeit um die und nach der Konfirmation: Wenn Hormone Rückzug, Abgrenzung und neue Identifikationen schaffen. Da kann es für Eltern wie Kinder anstrengend werden. „Hoffentlich gerät mein Kind nicht an falsche Freunde.“ Denken die Eltern. „Hoffentlich lassen mich meine Eltern in der Clique, im Freundeskreis, in Ruhe, alles andere wäre megapeinlich“, denken Jugendliche. Trotzdem: Der allergrößte Teil der Jugendlichen hat ein gutes Verhältnis zu den Eltern und gibt der Familie den höchsten Stellenwert im eigenen Lebensgefüge.

 

Was aber ist mit Jesus los? Mit gut 30 Jahren sollte er allmählich erwachsen sein. Aber seine Proklamation einer neuen Familie muss Mutter wie Geschwister vor den Kopf stoßen.

„Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Sagt Jesus zum Glück für Maria nicht ihr selbst direkt ins Gesicht, aber die Boten, die Jesu harschen Familienwechsel melden müssen, werden sich schwer tun, die klare Botschaft diplomatisch zu überbringen. „Das hier ist meine Familie“, das heißt doch: „Ihr, Mutter und Geschwister, ihr seid es nicht!“ Oder?

 

Jesu Familiengeschichte ist schnell erzählt: Der Sohn des Zimmermanns aus Nazareth wird in Bethlehem unter mirakulösen Umständen geboren, er wächst in Nazareth an der Nordgrenze des Landes auf, lernt selbst das väterliche Handwerk. Der Vater selbst weiß nichts von seiner leiblichen Vaterschaft und plante seinerzeit, Maria sitzenzulassen. Welche Schande! Als zwölfjähriger geht der bibelinteressierte Jesus anlässlich einer Wallfahrt eigene Wege, die Familie verliert ihn aus den Augen, nach drei Tagen finden sie ihn in der Diskussion mit Schriftgelehrten. Als Maria dem Sohn ihre Sorgen klagt, ist es das letzte Mal, dass wir von Josef hören. Er wird wohl in den kommenden 18 Jahren gestorben sein, denn jetzt erst ist wieder von Jesus zu hören, aber vom irdischen Vater fehlt jede Spur. Jesus lässt sich taufen, erlebt eine unfassbar intensive Nähe zu Gott und Gottes zu ihm selbst. Er spürt, dass er Menschen heilen kann, sammelt Schülerinnen und Schüler - Die Bibel nennt sie Jünger - um sich. Und er redet von Gott und von seiner jetzt schon beginnenden neuen Weltordnung, so dass er für die einen ein Spinner, für die anderen ein Aufrührer, für weitere ein Gotteslästerer wird. Für seine Freunde ist er Lehrer, Messias, vielleicht sogar Gottes Sohn. Und für seine Familie spielt derselbe Jesus schlicht verrückt.

 

Und jetzt das: Jesu Familie erinnert Jesus an seine familiären Wurzeln, und der weist diesen verbindend gemeinten Appell zurück: Hier ist meine Familie. 

 

Da, wo Menschen tun, was Gott will, sei es, die Fischernetze zugunsten der Verkündigung fallen zu lassen, sei es, als Zöllner das Geld zugunsten einer Weggemeinschaft mit Jesus liegen zu lassen. Sei es, als Hure nur noch diakonisch lieben zu wollen.

 

Hier ist meine Familie.  Da, wo Menschen von Gott etwas erwarten. Sei es der Segen für die unmündigen Kinder, sei es Heilung von der ausstoßenden Lepra, sei es die Überwindung des eigenen Unglaubens, sei es die Vergebung aufgeladener Schuld.

 

Hier ist meine Familie.  Sagt Jesus. Und wendet sich ab von den Familiengesandten und wendet sich zu denen, die ihn besonders brauchen. Die Gesunden brauchen keinen Arzt, höre ich Jesus noch sagen. Und manches abgrenzende Wort mehr.

 

An die Wunden, die seine Worte im Herz seiner Mutter schlagen, scheint Jesus im Augenblick nicht zu denken.

 

Hier ist meine Familie. 

 

Liebe Gemeinde, ich habe schon die Lebensgeschichte gehört von der radikalen Hinwendung einer Tochter zur Mission für ihren Glauben, in der sie ohne jeden Kontakt zur Familie schließlich krank geworden ist und starb. Ich kenne die Klagen von Pfarrfrauen und vom Ehepartner der Ärztin: Für alle hast du Zeit, nur nicht für deine Familie!

Ich ahne, dass es bei beruflich Selbständigen kaum anders aussieht oder bei fanatisch an einem Hobby Begeisterten. Wo ist mein Platz? Wo ist meine Familie?

 

Meine Spur knüpft an an der eigenen Erfahrung Jesu: Hier ist meine Familie.  Hier, wo Gottes Wunsch an uns Menschen lebbar wird, hier, wo wir von Gott uns noch etwas erwarten und erhoffen. Und ganz schnell merkle ich: Mein kleines Kind braucht auch diesen Hoffnungshorizont, diesen Sehnsuchtsraum nach einer heilvollen Welt. Mein gebrechlicher Vater hat meinen Blick auf das, was Gott von mir will, genauso verdient wie der kranke Nachbar von nebenan. Meine Lebenspartnerin hat Anteil an der Suchbewegung, die bei Gott und mit ihm ein lebenswertes Leben sucht. Hier ist meine Familie.  Größer, ja, als meine Abstammungslinie, aber doch auch nicht ohne die Menschen, denen ich mein Leben verdanke und die mir durch unsere Verwandtschaft anvertraut sind.

 

Und Jesus? Was sagt er bei seiner ausgrenzenden Nachricht an die Kontaktleute zur Familie?

Hier ist deine Familie.  Sagt Maria, die Mutter, unterm Kreuz, an dem er stirbt. Ich bin da für dich. Und war es immer. Hier ist deine Familie.  Sagt Josef, der Maria eben nicht sitzen lässt, sondern sich zu seinem Sohn bekennt, ohne ihn gezeugt zu haben. Hier ist deine Familie. Sagt Jakobus, der älteste Bruder, der Verantwortung übernimmt in der Gemeinde Jesu nach seinem Tod. Ihn, Jakobus, den ersten Papst zu nennen, ist nicht übertrieben.

Und Jesus selbst baut die Brücke unterm Kreuz: Maria wird unter seinem Segen als dem sterbenden Erstgeborenen und damit als Familienoberhaupt den Schüler Johannes adoptieren, und ihm, dem Johannes, vertraut Jesus seine Mutter zur Fürsorge, wie ein Sohn sie bietet, an.


Für mich schließt sich der Kreis: Derselbe Jesus, der einmal streng trennt zwischen seiner Herkunftsfamilie und der Familie Gottes, er verbindet die beiden scheinbar getrennten Lebenswelten unter der Prämisse, dass wir alle letztlich Gottes Kinder sind. Hier wie dort teilen wir dieselbe Hoffnung, dieselbe Sehnsucht, denselben Wunsch nach einer besseren Welt.

Hier wie dort strecken wir uns danach aus, dass jemand nicht nur redet, sondern auch etwas tut für Gottes neue, lebenswerte und liebenswerte Welt. Und Jesus erinnert uns, dass wir selbst ein Teil seiner Familie sind: Wer Gottes Willen tut, gehört zu mir. Amen.

 

Lied: Der Herr ist gut, EG 631,1-3