An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

Alles wird neu - adventlich leben

 

Gottesdienst zum Sonntag Exaudi,24.5.2020,

9.15 Uhr Evang. Kirche Kirchenkirnberg

10.45 Uhr Evang. Kirche Fornsbach

 

Wochenspruch: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Joh 12,32. Der Sonntag Exaudi trägt seinen Namen aus Psalm 27: HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich Ps 27,7.

 

 

Psalm 27 (EG 714), ( „Ehr sei …“).

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;

vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?

Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne:

dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang,

zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn

und seinen Tempel zu betrachten.

Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit,

er birgt mich im Schutz seines Zeltes

und erhöht mich auf einen Felsen.

Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;

sei mir gnädig und erhöre mich!

Mein Herz hält dir vor dein Wort:

»Ihr sollt mein Antlitz suchen.«

Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.

Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht

und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!

Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde

die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.

Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

 

Lesung: Apg 1,10 – 14

als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.

Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berg, der heißt Ölberg und liegt nahe bei Jerusalem, einen Sabbatweg entfernt. Und als sie hineinkamen, stiegen sie hinauf in das Obergemach des Hauses, wo sie sich aufzuhalten pflegten: Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon der Zelot und Judas, der Sohn des Jakobus.

Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

Predigt: Jeremia  31,31-34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.

Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

 

Liebe Gemeinde,

 

da sitzen sie im Obergemach des Hauses, eng bei einander in der Wohnung im ersten Stock in Jerusalem, wo sie seit Palmsonntag immer wieder zusammen gewesen sind. Selbstgewählte Quarantäne. Sie sitzen zusammen: Die elf Jünger. Und Frauen sind auch dabei, Maria Magdalena und Johanna und Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder. Sie sitzen zusammen, nicht weil sie besonders ansteckend gewesen wären, ansteckend für ihren Glauben. Sie sitzen da. Und beten.  Vielleicht mit den Worten aus Psalm 27. Den man im Volk Israel betet. Schon immer gebetet hat.  Wenn sie unsicher waren, wenn sie Gott gern gehört hätten oder gespürt. Wenn sie ihn angefleht haben, sich zu zeigen, zu helfen. „HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“ Sie sitzen zusammen, beten und gehen nicht raus. Können nicht. Wollen nicht. Wie auch? Jesus hat sich von ihnen verabschiedet. Sie sehen ihn nicht mehr. Sie warten darauf, dass sich erfüllt, was er versprochen hat:

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein.“ So weit ist es aber noch nicht. Also warten sie. Und hoffen. Und vertrauen. Und beten. Schöne Erfahrungen im Gepäck. Große Versprechen im Ohr. Und im Herzen. „Siehe, es kommt die Zeit.“

Glauben heißt: Warten.

„Siehe, es kommt die Zeit.“ Können wir warten? Warten, weil wir glauben.  Warten, weil wir vertrauen. Adventlich leben: Wir sehnen uns nach einer anderen Zeit. Aber die ist noch nicht da. Viele halten das Warten nicht aus. Vorweihnachtliche Naschkatzen, die im September schon Dominosteine und Marzipankartoffeln brauchen. Ob das auch dieses Jahr so sein wird? Kunden, die im Internet bestellt haben, und alle zwei Stunden im Zusendungsverlauf prüfen, wo ihr Paket gerade unterwegs ist. Quarantäneverweigerer, die jetzt schon mit Freunden Party machen. Siehe, es kommt die Zeit. Aber Warten ist unattraktiv. Anstrengend. Manchmal zermürbend.

 

Wie lange noch?

Wenn wir warten, stellen wir uns an die Seite Israels. Zur Zeit eines Jeremia. 600 Jahre vor Christus. Grausam zerstört ungezählte Leben, ohne Aussicht auf eine Ernte das Land. Die Stadt Jerusalem - verwüstet. Der Tempel: Zerstört. Leben findet in der Fremde statt oder in Trümmern. Es gibt keine Perspektive. Wenig Hoffnung. Vielleicht die Ahnung: Wir sind selber Schuld. Was wir erleben, ist seine Strafe. Jeremia, einer von ihnen, musste ihnen genau das sagen. Immer und immer wieder. Wir sind selber Schuld. Hätten wir Gott vertraut, statt uns von ihm abzuwenden. Jetzt gibt es keine Hoffnung mehr. So predigt Jeremia jahrelang.

Und dann reiben sie sich die Augen. Er, für den es keine Zukunft gibt, kauft einen Acker. Auf Hoffnung hin. Und redet ganz anders, als wir es von ihm kennen:

„Siehe, es kommt die Zeit.“ „Ich will mit euch einen neuen Bund schließen“, lässt Gott ausrichten.

„Siehe, es kommt die Zeit.“ Es kommt etwas, das jetzt noch nicht da ist. Es kommt etwas Neues, ganz Neues. Es ist keineswegs alles gut. Die großen Verheißungen Gottes stehen aus. Auch für uns Christen. Auch für mich. Die ungewohnte Situation, in der wir uns seit vielen Wochen befinden und die sicher auch noch lange so bleiben wird, zeigt: Wir stehen neben dem Volk Israel. Warten erwartungsvoll. Warten auf einen Neubeginn.

Dann sitzen wir im Obergemach, wo wir häufig sitzen. Ein paar Meter über der Straße durch unser Dorf. Und doch sitzen wir hier anders als sonst, in kleiner Zahl und weit auseinander. Mit Mundschutz, dürfen nicht singen und musizieren, wie früher. Dürfen uns nicht begrüßen und verabschieden, wie wir es gerne täten, dürfen nicht beim Ständerling, beim Weißwurstfrühstück, zur Konfirmation oder beim Vereinsfest zusammen sein. Sondern warten. Warten, dass kommt, was Gott versprochen hat.

Meine Erwartungshaltung lässt mich beten mit den Worten Israels: „HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“

Ich bin dankbar dafür, wie gut es mir geht. Dass ich habe, was ich zum Leben brauche. Aber ich vermisse auch viel: Den angstfreien Umgang miteinander, gelebte Nähe, gerade in der Not, fröhliche Unbekümmertheit. Das alles geht jetzt nicht. Es gibt kein: Jetzt. Sofort. Wir warten. Ich warte. Das gehört zu dieser Lage dazu. Es gehört zu meinem Glauben dazu. Zu warten. Dass Gottes Verheißung sich erfüllt. Und das Leben neu beginnt. Nicht einfach wie früher: Ganz neu!

 

„Siehe, es kommt die Zeit.“ Und dann glauben wir nicht nur. Dann sprechen und bekennen wir nicht nur.  Dann erleben wir. Gottes Nähe: Nicht bloß in Büchern. Nicht bloß im Kopf und auf den Lippen. Sondern im Herzen. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.“

Wie gut, dass du, Gott, dein Versprechen wahrmachst. Mich neu machst. Und mit meinem Denken auch die Welt: Anders als bisher. Ganz neu. Ich vertraue dir. Dass du es gut mit mir meinst. Dass du eine Zukunft für mich hast, auch wenn ich sie jetzt nicht sehe. Dass du mir meine Zweifel vergibst, meine Ungeduld, meine Enttäuschungen. Dass du mich auf deine Zukunft mit uns hoffen lässt. Dass du mich warten lehrst. Auf die Erfüllung deiner Verheißung. Siehe, es kommt die Zeit. Mit deiner Hilfe warte ich darauf geduldig. Und bis dahin bete ich mit vielen anderen, die zu dir und deinem Volk gehören:

„HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“ Amen.

 

 

(In enger Anlehnung an die Predigtlinie von Pfr. Andreas Schwarz, Pforzheim)

 

 

Lied: Ich glaube fest, dass alles anders wird, EG 661, 1-4

 

1. Ich glaube fest, dass alles anders wird,

dass uns die Liebe immer weiter führt.

Ich glaube fest an eine neue Sicht,

wenn bald im klaren Licht ein hoffnungsvoller Tag anbricht.

2. Ich glaube fest, dass Gott die Liebe ist,

und dass er an der Liebe alles misst.

Ich glaube fest, das Ziel ist nicht mehr weit,

ich hoffe auf die Zeit voll Frieden und Gerechtigkeit.

3. Ich glaube fest an Gott und seine Macht,

dass er sein Volk behütet und bewacht.

Ich glaube fest, Gott macht die Menschen frei

von Schmerzen und Geschrei, und alle Angst ist dann vorbei.

4. Ich glaube fest. Ein neues Lied stimmt an,

ein Liebeslied, das jeder singen kann.

Ich glaube fest, das Ziel ist nicht mehr weit,

ich hoffe auf die Zeit voll Frieden und Gerechtigkeit.

 

Text: Martin Bogdahn 1990 nach dem Lied aus El Salvador »Yo tengo fé que todo cambiará«

Melodie: aus El Salvador