An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

Predigt zu Johannes 21,1–14 Quasimodogeniti, 11.04.2021 Vikar Jacob Wahl

Liebe Gemeinde,

haben Sie dieses Jahr schon gegrillt?

Wenn man die Szene, die Johannes uns hier erzählt, von Weitem betrachtet, dann sieht es vielleicht genau danach aus: Acht junge Männer am Ufer eines Sees. Sie sitzen um eine Feuerstelle herum und sind gut gelaunt. Es gibt Fisch, dazu wird Brot gereicht. Eine gewöhnliche Szene, wie man sie hier in der Umgebung sicherlich auch so oder so ähnlich beobachten können.

Doch schaut man genauer hin, dann sieht man, dass an dieser Begebenheit überhaupt nichts gewöhnlich ist.

Das erste, was mir da auffällt, ist die Tageszeit: Die acht Männer ­grillen nicht etwa zur fröhlichen Nachmittagsstunde, sondern vormittags, nach einer langen Nacht.

Was für eine Nacht mag das gewesen sein? Ich stelle mir die Arbeit auf so einem Fischerboot anstrengend vor. Immer wieder ist auch mit Ungewissheiten zu rechnen: Ob diesmal Fische ins Netz gehen? Ob wir von Wellen und Sturm verschont bleiben? Und das alles in der Kälte dunkler Nächte.

Und dann auch noch: „In dieser Nacht fingen sie nichts.“ Eine mühevolle, ergebnislose Arbeit. Manch einem von uns mag es auch in unserer Situation vorkommen: Es werden immer neue Maßnahmen verordnet, es wird verschärft und wieder gelockert – aber ein Ende? Scheint nicht in Sicht.

Endlose, dunkelste Nacht – und kein Ende in Sicht. Erst, als schon Tag geworden ist, als die Sonne schon aufgegangen ist: Jesus steht am Ufer.

Das ist Ostern: Dass Jesus da ist, auch am Ende unserer dunkelsten Nächte.

 

Das zweite, das ungewöhnlich ist, sind die Anwesenden: Sie sollten doch eigentlich gar nicht hier sein! Wenn man das Johannesevangelium liest, kommt einem die Begebenheit in der Tat ein wenig seltsam vor: Ein Kapitel vorher noch stattet der auferstandene Jesus zuerst seine Jünger mit der Vollmacht aus, Sünden zu vergeben und haucht ihnen den Heiligen Geist ein. Danach räumt er gegenüber dem zweifelnden Thomas alle Zweifel aus. Und jetzt: Statt in die Welt hinauszugehen und die Botschaft von der Auferstehung des Herrn weiterzutragen – Thomas ist immer noch auf dem Fischerboot und verrichtet die anstrengende, ergebnislose Arbeit.

Als würde zweimal Ostern nicht reichen. Es braucht dieses dritte Mal. Hier erscheint der Auferstandene in einem noch einmal ganz anderen Licht als in den übrigen Ostergeschichten. Denn nicht nur die Jünger erscheinen hier etwas fehl am Platz, auch Jesus selbst kommt in dieser Geschichte noch einmal ganz anders vor. Im vorigen Kapitel kommt mir Jesus nahezu gespensterhaft vor: Die Jünger sind, so erzählt es Johannes, hinter verschlossenen Türen, und auf einmal steht Jesus mitten unter ihnen, als könne er durch Wände gehen. Dagegen erscheint der Jesus, der uns in der heutigen Erzählung begegnet, viel nahbarer: Mit gutem Rat ist er zur Stelle und gibt den Jüngern den Rat, das Netz auf der anderen Seite auszuwerfen. Er bereitet das Essen vor, ist geradezu gastfreundlich – dort, am Strand des Sees Tiberias. Petrus tut das, was wir wohl alle an seiner Stelle getan hätten: Er springt ins kühle Wasser und kommt Jesus entgegen; erst schwimmend, dann schnellen Schrittes an den Strand. Wie wohltuend muss das für die Jünger gewesen sein, nach einer Nacht voller harter Arbeit! Vielleicht so wohltuend, dass man sich hinterher „wie neu geboren“ fühlt? Das ist ja das Thema dieses Sonntags, und im Ins-Wasser-Werfen-Und-Wieder-Auftauchen des Petrus können wir vielleicht auch die Taufe, ein anderes Symbol für das Neugeborensein in Christus entdecken.

So möchte ich mir den Auferstandenen gern vorstellen: Als einen, der schon mal den Grill anmacht, und ich brauche dann nur noch zum Essen kommen.

Wahrscheinlich ist es genau dieses Jesusbild, das irgendwie noch gefehlt hat. Und ich muss zugeben: Auch mir ist der gastfreundliche Jesus, der mich an seine Grillstelle einlädt, viel näher als die Erdbeben (davon war letzte Woche in der Ostergeschichte des Matthäus zu hören) oder dem gespensterartigen Jesus, der durch die Wände geht. Auch ich erfahre die Güte Gottes viel mehr in der Gemeinschaft mit anderen als durch ekstatische, nahezu apokalyptische Erfahrungen, die mir beim Bibellesen immer wieder sehr fremd sind.

Und ich glaube, auch das ist Ostern: Jesus lädt uns ein. „Kommt! Es gibt Frühstück!“ (Wir hätten gerne letzten Montag ein gemeinsames Osterfrühstück gefeiert. Das war wegen Corona nicht möglich. Aber die Einladung von Jesus gilt weiterhin. Da bin ich mir sicher).

 

Das dritte, das ungewöhnlich ist, ist das, was es zu essen gibt: Klar, denn Fisch, dazu frisch gefangen, gibt es nicht auf jeder Grillparty. Aber noch etwas ist ungewöhnlich. Schauen wir noch einmal genau hin: Als die Jünger aus dem Wasser kommen mit den Fischen, die sie gefangen haben, liegen bereits Fische auf dem Feuer – und Brot gibt’s auch dazu. Wo Jesus das nur her hat? Und war die Arbeit der Jünger, das erneute Rausfahren, dann eigentlich umsonst?

Offensichtlich nicht, denn Jesus sagt: „Bringt ein paar von den Fischen, die ihr gefangen habt!“

Ich finde, das ist ein faszinierendes Bild. Einerseits, ja: Bei Jesus gibt es etwas umsonst. Das predigen wir in der Kirche seit nun fast zwei Jahrtausenden – und durch die Reformation haben wir uns das noch einmal ganz neu ins Gedächtnis gerufen: Gottes Gnade hängt nicht an dem, was wir leisten, sondern er schenkt sie aus freien Stücken. Und andererseits: Unser Tun ist nicht vergeblich. Auch die Fische von uns Jünger*innen werden gebraucht.

Auch das ist Ostern: Wir wissen, dass unser Einsatz für Gottes Reich in dieser Welt nicht vergeblich ist. Gott befähigt mich, so, wie er den Jüngern sagt: „Werft das Netz an der rechten Bordseite aus!“

 

Ich wünsche uns die Gewissheit, dass Jesus am Ende unserer dunkelsten Nächte da ist.

Ich wünsche uns, dass wir die Einladung zum Frühstück auch als Einladung an uns – als ein Einladung zum Leben – begreifen dürfen.

Und ich wünsche uns, dass wir erkennen, wo es nicht vergeblich war, die Netze auszuwerfen.

Amen.