An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

Berufen zum Kümmerer

Gottesdienst zum 8. Sonntag n. Trinitatis, 2.8.2020,

10.45 Uhr Evang. Kirche Kirchenkirnberg


Hl. Taufe

Nach Psalm 121 (EG 769)

 

Lesung:  Mk 10,13-16 Kindersegnung

Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er umarmte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

 

Predigt: Act 6,1-7 (Berufen zum Kümmerer)

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.

Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia. Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.

Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

 

Liebe Gemeinde,

es gibt Zoff. Wie zwischen Geschwistern. Wie so oft im Leben. So auch in der Urgemeinde in Jerusalem. Zwei Gruppen haben einander offenbar nicht recht im Blick. Wie heute. Gegner und Befürworter des Corona-Regierungshandelns prallen auf einander, so wie damals, vor 2000 Jahren bald, griechisch sprechende und aramäisch sprechende Gemeindeglieder, beide Jesusbegeisterte mit jüdischen Wurzeln.

 

Eine gemeinsame Basis des Zusammenlebens also gäbe es, aber das Verständnis für einander, der Blick für den Andern, scheint zu fehlen. Man spricht verschiedene Sprachen: Wie beim Turmbau zu Babylon: Gemeinsam an einem Strang zu ziehen, wird fraglich.

Dabei ist unsere heutige kleine Notiz in der Apostelgeschichte in mehrfacher Weise aufschlussreich:

Da gibt es erstmals auch Jesusbegeisterte, die nicht aus dem Kulturraum Jesu, aus Galiläa, kommen. Judenchristen hellenistischer Kultur sagen die Fachleute. Mit dem Siegeszug Alexanders, den man den Großen nennt, wurde 360 Jahre zuvor vielen Nationen der griechische Lebensstil übergestülpt. Manche von ihnen waren jüdischen Glaubens. Und manche davon kamen nach Jerusalem, um, vielleicht auf Zeit, dem Tempel Israels näher zu sein, oder, um sich ein Grab in der Nähe des kommenden Messias zu kaufen. Für den Ruhestand also blieben manche in der Hauptstadt ihres Glaubens, weit weg von der eigenen Familie. Das pharisäische Judentum der Hebräer, wie Lukas sie nennt, war nicht ihre Welt. Aber der jüdische Glaube in seiner hellenistischen Ausprägung war ihre geistliche Heimat.

Beide Kulturen treffen sich nun in der Jesusbewegung, in den ersten Jahren der christlichen Kirche. Und mit den beiden Gruppen prallen Lebensstile, Glaubensverständnis und eben Sprachwelten aufeinander.

 

Man kümmert sich primär um Seinesgleichen. Als ob es zwei Kirchengemeinden unter einem Dach gäbe: Eine schwäbisch-sparsame und eine badisch-weinselige vielleicht, oder eine Kemberger und eine Fornsbacher? Die Sprache lässt sofort erkennen, wo man hingehört.

 

Und so kommt es, dass die „hebräische“ Keimzelle der Jesusgemeinde um Petrus, Johannes, Jakobus und die Andern die Neubürgerinnen im Glauben gar nicht erst in den Blick bekommen. Alle haben sie alles verkauft – und verteilt wird es untereinander, bis jemand protestiert, dass da eine ganze Gruppe übersehen wird: Die Witwen der Hellenisten bekommen nichts ab. Ausgerechnet sie, die so weit von zuhause mit keiner Familienunterstützung rechnen dürfen. Für diese Frauen geht es ums Überleben.

 

Die Zwölf – alle aus dem Kreis der Hebräer – schlagen eine zweite Ebene der Gemeindeleitung vor, und alle kommen sie aus der griechischen Teilgemeinde. Die Namen lassen das eindeutig erkennen. Diese sieben Anwälte der Lebensmittelgerechtigkeit sollen einen guten Leumund haben, von Gottes Geist erfüllt sein und mit Weisheit ausgestattet. Unter Handauflegung, wie bei unserer Taufe oder Konfirmation und Gebet werden sie in ihr Amt eingeführt.

 

Ein Scheinargument überliefert Lukas: Die Apostel sollen sich ohne Ablenkungen ums Wort Gottes kümmern können, ums weltliche Geschäft sorgen sich dann die Andern. Obwohl wenig später der scheinbar für das Weltliche zuständige Stephanus genau seiner Verkündigung wegen gesteinigt wird. Wir haben es also mit einer tiefergreifenden Rivalität zu tun, als einer verpassten Lebensmittellieferung.

Dennoch: Wohl gerade die Kompetenzüberschreitung der Griechen hat massiv zum Wachsen der Gemeinde beigetragen. Am Ende geht der christliche Glaube rund um die Welt. Kulturelle Grenzen verlieren an Bedeutung. Und die Faszination für Jesus war so groß, dass sogar viele der 8000 Jerusalemer Priester sich dem neuen Glauben angeschlossen haben.

 

So viel zur Geschichte unseres Glaubens, in die hinein wir heute Lucas und Laura taufen, und in der wir alle uns wiederfinden.

Was aber geht uns all das heute an? Zoff, das Übersehenwerden, die Beauftragung von Fachkräften mit echter Problemlösungskompetenz.

 

Mich hat im Blick auf die Taufe zweier Kinder heute Vormittag das Bild vom Kümmerer angesprochen. Bei so einem kleinen Kind liegt praktisch das ganze Leben noch wie ein Geheimnis vor ihm oder vor ihr.

 

Schon bei der Kindersegnung gibt’s Zoff: Die Jünger Jesu wollen ihren Herrn für sich haben, oder wenigstens den Erwachsenen vorbehalten wissen. Eltern mit unmündigen Kindern jagen sie weg. Bis sich Jesus selbst um sie kümmert: „Lasst die Eltern mit ihren Kindern zu mir kommen. Ihnen gehört Gottes Reich.“

Jesus wird zum Anwalt, zum Vertreter der Interessen der Machtlosen. Mit Zöllnern und mit Huren, mit Leprainfizierten und mit behinderten Menschen wird Jesus ähnlich verfahren: Er selbst kümmert sich um die, die keiner sehen will. Und selbst am Kreuz sorgt er für seine Mutter: „Siehe, Johannes, das ist jetzt sein Sohn.“ Und er kümmert sich um den neben ihm Gefolterten: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Noch am offenen, leeren Grab kümmert sich Jesus um Maria aus Magdala: „Frau, was weinst du? Wen suchst du?“ Und gibt sich zu erkennen. Und Marias Welt ist eine andere.

 

Wann werden eure Kinder einen Kümmerer brauchen, und wer könnte das sein? Wann braucht es jemanden, der sich stellvertretend für andere einsetzt?

 

Ich war nie im Kreissaal, aber ich habe mir erzählen lassen von mutigen Männern, die an der Seite ihrer Frau bleiben bis zum glücklichen Ende schmerzhafter Stunden. Aber ich weiß auch von Männern, die beim Betreten der Klinik umgekippt sind, und die selbst erst wieder bei Bewusstsein waren, als das Kind schon zur Welt gebracht war. Wer kann sich dann kümmern? Vertrauen wir den Hebammen dieser Welt!

 

Was ist mit dem Menschen, der vom Rettungswagen zur Notaufnahme gebracht wird, und der selbst so wenig Kraft hat, dass er oder sie gar nicht mitbekommt, was jetzt geschieht? Mir selber ging es so im Advent 2018. „Zum Glück war ich hier, in Konstanz und nicht in Winnenden“, habe ich am nächsten Morgen zu meinem Freund gesagt. „Warum?“, frägt er.

„Weil sie mich hier so gründlich untersucht und sich um mich gekümmert haben“, antworte ich.

Darauf er: „Du warst die ganze Nacht ohne Bewusstsein, und sie hätten dich auf dem Flur liegen lassen. Wenn nicht ich gestritten hätte und als Arzt meine Kollegen auf ihre Verantwortung hingewiesen hätte, würdest du immer noch da draußen liegen. Ohne Diagnose.“ Wir brauchen Kümmerer, die wissen, worum es geht.

 

Immer wieder meldet sich ein Mann bei mir, der dringend eine Wohnung sucht, und dann noch mit seinen Papieren kaum klarkommt. Der Schriftverkehr wird immer unübersichtlicher, Rechnungen bleiben unbezahlt, Termine werden vermasselt. Irgendwann blickt nicht nur niemand mehr durch, sondern die Situation insgesamt wird zunehmend unüberblickbar. Wo soll dieses Leben hinführen?

Es bräuchte einen Kümmerer, einen Anwalt, der nicht hinwirft, wenn es ihm  - vielleicht ja zurecht - zu blöd wird, es braucht einen Sozialarbeiter, der Briefe öffnet, Rechnungen sortiert, Schuldnerberatung leistet, Brücken baut zu Vermieter, Polizei, Ordnungsamt usw… .

 

Einschulung ohne Elternbegleitung: Es braucht Kümmererinnen und Kümmerer in den Schulen, vielleicht Erstklässlerpaten, Erklärlehrer, Mutmacher im Schulhof. Wer hat den Blick für die Kinder, die sich schwertun von Anfang an oder nach ein paar Tagen? Es braucht Kümmerer in allen Schularten und Klassenstufen. Die, die hinschmeißen nach dem Zeugnis der letzten Tage, brauchen mehr als eine Lernbrücke für Corona-Versäumtes. Sie brauchen Kümmerer, jetzt und zum Schuljahresbeginn.

 

Ratlosigkeit und manchmal Lethargie begegnet mir beim Übergang von der Schule zur Berufswelt. Da braucht es Kümmerer, die Praktika anregen, die berufliche Lebenswelten zum Hineinschnuppern öffnen, die Jugendlichen eine Entscheidungshilfe geben.

 

Und in unseren Pflege- und Altenheimen braucht es Kümmerer. Gott sei Dank machen viele Profis wie einst benachbarte Besucherinnen einen tollen Job. Und doch gibt es das Verstummen, das Übersehen-Werden oder das Sich-übersehen-Fühlen. Bei Menschen ohne Lobby. Es braucht mehr Kümmerer für die Schwachen und Schwächsten unter uns.

 

Ich weiß, es gibt noch viel, viel mehr an Lebenssituationen, in denen wir Kümmerer brauchen. Menschen, die hinsehen, die mir und anderen das Gefühl geben, gesehen, wahrgenommen, zu werden.

 

Kümmerer können Patinnen und Paten sein. In verzwickten Familiensituationen oder auch mal für ein Gespräch, das man mit Papa oder Mama nicht führen will.

Kümmerer gibt es vielfach im Ehrenamt. Als Jugendtrainer oder in der Jungschar. Kümmerer brauchen wir professionell – mehr und profilierter, als wir sie heute haben. Pflegekräfte, grüne Damen, Sozialarbeiterinnen oder pädagogische Fachkräfte. Kümmerer brauchen wir meines Erachtens vor allem an der Schwelle: An der Schwelle in den Kindergarten, in die Schule, in die Ausbildung, das Studium oder den Beruf. Kümmerer brauchen wir für frühe Tage im Heim, für die Aufnahme in die Klinik, für die Begleitung beim allerletzten Lebensabschnitt.

 

Und wir brauchen die Erinnerung, dass es einen Kümmerer überall für uns gibt: Jesus Christus, der so freundlich auf alle zukommt, der uns sieht, wahr- und ernstnimmt, der für uns da ist, so dass die Faszination für ihn Menschen aus aller Herren Länder am Vertrauen zu ihm festhalten lässt. Bis heute.  

 

Der Apostel Paulus schreibt den griechischen Christen in Korinth in griechischer Schrift ein aramäisches Wort, so, als ob die Griechen die Sprache Jesu und der einstige Pharisäer die Sprache der Hellenen gelernt hätte. Das eine Wort ist der Ruf nach dem Kümmerer: Maranatha! Unser Herr, komm! Amen.

 

Lied: Wenn das Brot, das wir teilen