An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

Gottesdienst zum 2. Sonntag nach Epiphanias, 17.01.2021 

09.15 Uhr Evang. Kirche Fornsbach

10.45 Uhr Evang. Kirche Kirchenkirnberg

 

Wochenspruch: Johannes 1,16:

"Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“

 

Predigt zur Jahreslosung:

Liebe Gemeinde,

heute wollen wir uns in der Predigt die Jahreslosung für dieses Jahr etwas genauer anschauen und uns Gedanken dazu machen, was dieses Bibelwort für uns bedeuten könnte.

Wie jedes Jahr hängen wir auch diese Jahreslosung ins Gemeindehaus bzw. in die Kirche, damit wir die Losung stets vor Augen haben und uns das ganze Jahr daran erinnern lassen. Die Jahreslosung ist wie eine Art Vorsatz fürs neue Jahr, ein Bibelwort, das uns 2021 durch alle Monate begleiten soll. Leider habe es neue Vorsätze so an sich, dass sie ziemlich schnell wieder in Vergessenheit geraten; dass sie so schnell gehen, wie sie gekommen sind und dass sie begraben werden unter all unseren alltäglichen Routinen und Erledigungen. Umso wichtiger ist es, sich Erinnerungsstützen zu schaffen, und wenn es nur eine kleines Kärtchen ist, dass man sich in sein Portmonee steckt. So eine kleine Erinnerungsstütze erwartet sie auch am Ende dieses Gottesdienstes. Deshalb stürzen sie nicht zu schnell aus der Kirche, die Konfis halten nachher eine Kleinigkeit für sie bereit.

Kommen wir nun zu unser Jahreslosung. Sie steht im Lukasevangelium. Kapitel 6, Vers 36, dort steht: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Echtes Mitgefühl fordert zum Handeln heraus, und Gott selbst gibt dafür den Anstoß. Das ist die Kernbotschaft der Jahreslosung für 2021. Ich möchte mich der Jahreslosung heute durch drei Fragen annähern: 1. Warum sollen wir barmherzig sein? 2. Was bedeutet es barmherzig zu sein? 3. Inwiefern ist Gott barmherzig?

Kommen wir also zur ersten Frage: Warum sollen wir barmherzig sein?

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ In diesem Satz kommt die berühmte Feldrede Jesu im Lukasevangelium zu ihrem Höhepunkt. Alle christlichen Handlungsanweisungen laufen letztlich auf diese Zusammenfassung hinaus. Barmherzigkeit soll unser Handeln bestimmen und unseren Umgang mit unseren Mitmenschen prägen. 

Immer dann, wenn wir uns Gedanken darüber machen, wie ein gutes sittliches, menschliches Verhalten aussehen könnte, befinden wir uns im Bereich der philosophischen Ethik. Und immer dann, wenn wir darüber nachdenken, wie ein Christ sich in der Welt verhalten sollte, befinden wir uns im Bereich der christlichen Ethik. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der philosophischen und der christlichen Ethik, liegt in der Begründung eines sittlich-guten Verhaltens. Die philosophischen Ethik wird vor allem von der Vernunft geleitet. Gutes Handeln ist vernünftiges Handeln, das ist ein Handel, dass der Allgemeinheit nützt, das Leid vermeidet, das Freiheit ermöglicht und Schutz sicherstellt. Was gutes und richtiges Handeln ist, entscheidet sich in der philosophischen Ethik am aktuellen Erkenntnisstand der Gesellschaft darüber, was der Allgemeinheit am meisten Nutzen bringt, am meisten Freiheit eröffnete und am meisten Schutz garantiert. Und das kann sich, wenn wir in die Geschichte schauen von Generation zu Generation unterscheiden.

Christliche Ethik begründet sich zu aller erst durch den Gottesgedanken. Was bedeutet das? Jesus begründet die Aufforderung zu mehr Barmherzigkeit nicht mit einem moralischen Argument, sondern mit dem Verweis darauf, dass Gott ebenfalls barmherzig ist.

Wir sollen nicht barmherzig sein, weil es uns am meisten nützt, oder weil es uns am meisten Freiheit und Sicherheit in der Gesellschaft verschafft. Wir sollen nicht barmherzig sein, weil es uns ein Gesetz vorschreibt, weil es sich lohnt oder weil es uns vor viel Leid beschützen würde. Nein. Wir sollen barmherzig sein, einzig und allein, weil Gott barmherzig ist. Im Hintergrund steht hier der Gedanke der Ebenbildlichkeit. Der Mensch wurde Gott zum Ebenbild geschaffen. Das bedeutet, die Bestimmung und das Ziel unseres Lebens ist es, Gott widerzuspiegeln. Oder anders ausgedrückt: Der Sinn unseres Lebens ist es Gott unseren Schöpfer immer mehr zu erkennen und ihm immer ähnlicher zu werden. Und das eine bedingt das andere. Erst wenn wir Gott erkennen, können wir ihm ähnlich werden und umso ähnlicher wir ihm werden, desto mehr erkennen wir ihn. Da wir Gott zum Ebenbild geschaffen sind (1. Mose 1,27) ist die Erfüllung unserer Bestimmung das Wesen Gottes widerzuspiegeln.

Wir sollen barmherzig sein, nicht etwa, weil es sinnvoll, vernünftig oder ethisch erstrebenswert wäre, sondern weil es dem Bilde Gottes entspricht. Weil Gott barmherzig ist, ist es auch unsere Bestimmung barmherzig zu sein.

Kommen wir nun zur zweiten Frage. Was bedeutet es barmherzig zu sein? Diese Frage beantwortet Jesus mit einem Gleichnis. Nämlich dem Gleichnis des barmherzigen Samariters. Da dieses Gleichnis wie kein anderes beschreibt, was es bedeutet barmherzig zu sein, eignet es sich vorzüglich als Deutung und Auslegung der Jahreslosung für 2021.

Es geht in diesem Gleichnis um einen Menschen, der von Jerusalem nach Jericho ging. Auf dem Weg wurde er von Räubern überfallen und halb tot am Wegrand liegen gelassen. Es kamen ein Priester und ein Levit vorbei, die sahen den Menschen dort am Wegesrand liegen, taten aber nichts und gingen vorüber. Dann kam ein Samariter vorbei, er half dem Menschen, kümmerte sich um seine Wunden, brachte ihn in eine Herberge und zahlte im Voraus, damit er in dieser Herberge gepflegt wird.

Folgen wir dem Gleichnis, so wird deutlich, dass Barmherzigkeit die Fähigkeit beschreibt, sich von der Not seines Nächsten anrühren zu lassen. Der Samariter hat nicht weggesehen, als er den Ausgeraubten am Boden liegen sah. Im Gegenteil, er sah sein Leiden und hat seine Notlage selbst gefühlt, sodass er genug Empathie aufbringen konnte, um zu wissen, was jetzt zu tun ist … helfen.

Barmherzig zu sein bedeutet sich ein weiches Herz zu bewahren, dass sich anrühren lässt von der Not eines Mitmenschen. Barmherzig zu sein bedeutet nicht mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen und nur die eignen Sorgen und Probleme zu sehen, oder nur auf den eigene Erfolg fokussiert zu sein. Barmherzig zu sein bedeutet nicht wegzuschauen, wenn ein Arbeitskollege zu Unrecht beschuldigt wird, nicht wegzuschauen, wenn eine Klassenkameradin gemobbt wird, nicht wegzuhören, wenn eine Freundin oder ein Freund beleidigt werden.

Grade heute, in einer Zeit, in der wir täglich von schlechten Nachrichten bombardiert werden, laufen wir Gefahr abzustumpfen. Wir lassen das Leid anderer nicht mehr an uns heran. Die Jahreslosung erinnert uns daran, unseres weiches Herz nicht zu vergessen. Empfänglich und sensibel zu belieben für die Bedürftigkeit unserer Nächsten.

Für manches Ohr mag das alles schön und gut klingen. Aber ist das nicht eine Überforderung. Man würde aus dem Leiden ja gar nicht mehr raus kommen, wenn man mit jedem und jeder mitleiden würde und überhaupt barmherzig sein wie Gott. Wie soll das denn gehen. Ist es nicht sogar vermessen, sich zuzumuten irgendetwas wie Gott zu machen?

Darauf eine kurze Antwort:

1.      Es geht nicht darum mit jedem und jeder Mitleid zu empfinden, da würde man ja tatsächlich aus dem Leiden nicht mehr herauskommen. Sondern es geht darum mit den Menschen, die uns am Nächsten stehen barmherzig umzugehen. Die Menschen die wir täglich sehen, zuhause, auf der Arbeit, im Dorf, in der Kirche, im Verein. Die Menschen, die Gott dir über den Weg schickt, denen gilt es Barmherzigkeit zu erweisen. Wir müssen nicht die ganze Welt retten, das können wir gar nicht. Aber es sollte uns nicht kalt lassen, wenn wir an einem Menschen vorbei kommen, der grade offensichtlich leidet. Das kann der einsame Nachbar sein, nachdem man mal schauen sollte, oder ein Autofahrer, der nach dem Weg fragt, oder die Mitkonfirmandin, die man im Gottesdienst bei den Fürbitten unterstützt.

2.      Es geht nicht darum wie Gott barmherzig zu sein, sondern darum wie Gott barmherzig zu sein. Ich will das an einem andern Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir mal an, die Jahreslosung würde so lauten: Jesus Christus spricht: „Esst mehr Äpfel, wie auch euer Vater im Himmel Äpfel isst.“

Es geht jetzt nicht darum soviele Äpfel an einem Tag zu essen, wie Gott an einem Tag schaffen würde, es geht auch nicht darum, dass wir so elegant ein einen Apfel beißen, wie Gott in einen Apfel beißen würde. Sondern es geht schlicht und ergreifend darum unsere Ernährung schrittweise umzustellen und Äpfel in unserem Speiseplan zu integrieren. Das heißt jetzt nicht, dass wir jeden Tag einen Apfel essen müssen, es reicht, wenn wir vielleicht jeden zweiten Tag einen Apfel essen, es muss auch nicht ein ganzer Apfel sein, es reicht, wenn wir mit einem Apfelschnitzerle anfangen. Wichtig ist nur das wir damit beginnen Äpfel zu essen. Denn dann werden wir merken, oh das tut mir gut. Irgendwie fühle ich mich auf ganz besondere Weise erfüllt, wenn ich einen Apfel esse. Wir merken, es ist unsere Bestimmung Äpfel zu essen, wie unser Vater im Himmel Äpfel isst.

Wir müssen nicht gleich im selben Maße wie Gott es tut mit der ganzen Welt mitfühlen, es reicht, wenn wir damit beginnen uns von der Not unseres Nachbarn anrühren zu lassen.

Kommen wir nun zur dritten und letzten Frage: Inwiefern ist Gott barmherzig? Um diese Frage zu beantworten können wir nur auf die Offenbarung Gottes schauen wie sie uns in der Heiligen Schrift vorliegt.

Gott hat den Menschen nicht Fallen gelassen. Als Adam und Eva sich gegen den guten Willen Gottes gestellt haben, hat er sie nicht fallen gelassen. Er hat ihnen Söhne geschenkt. In der Vorzeit hat er Noah aufstehen lassen, der von Gott predigte. Er hat Abraham, Isaak und Jakob berufen und stand ihnen in allen Notlagen bei. Er hat sein Verheißungen gehalten und Israel zu einem großen Volk werden lassen. Als es in ägyptischer Gefangenschaft war, hat er sich über sein Volk erbarmt. Er hat Mose gesandt, damit er Israel aus der Sklaverei befreite. Und selbst als Israel immer wieder untreu wurde hat Gott sich über sein Volk erbarmt und immer wieder Propheten und Könige geschickt, die Israel die Worte Gottes zugesprochen haben. Und zuletzt hat Gott uns seinen Sohn gesandt, damit er alle unsere Sünden auf sich nimmt und für uns stirbt, damit wir ewiges Leben haben. Gott hat es nicht kalt gelassen, dass wir sterbliche Menschen sind, er hat eingegriffen und den Tod für uns besiegt.

Und deswegen dürfen wir sicher sein, Gott sieht unsere Not, er lässt sich anrühren von unseren Sorgen, Ängsten und Problemen, deswegen dürfen wir auch mit allem im Gebet zu ihm kommen, sei es noch so klein in unseren Augen. Gott möchte uns helfen, weil er barmherzig ist.

Und nicht zuletzt hilft er uns, in dem er andere Menschen barmherzig werden lässt. Jedes Mal wenn wir uns barmherzig einem anderen Menschen gegenüber zeigen, dann zeigt sich Gott ihm barmherzig in uns. Wenn wir uns gegenseitig unterstützen und uns gegenseitig Barmherzigkeit erweisen, so erbarmt sich Gott über uns, weil er es ist, der uns barmherzig werden lässt, weil er ist war, der sich in Jesus über uns erbarmt hat.

Und so wünsche ich uns allen heute, wenn wir aus der Kirche gehen, dass wir uns die Jahreslosung ins Portmonee stecken und dass wir jedes Mal, wenn wir sie sehen, kurz daran erinnert werden, uns anrühren zu lassen, von der Not unseres Nächstens.

Und vielleicht fangen wir genau heute damit an, wenn wir nach Hause kommen. Dann können wir uns einen Menschen überlegen, mehr muss es gar nicht sein, einen Menschen, dem wir heute etwas Barmherziges tun können.

 

Amen.

Gottesdienst zum 1. Sonntag nach Epiphanias, 10.01.2021

09.15 Uhr Evang. Kirche Fornsbach

10.45 Uhr Evang. Kirche Kirchenkirnberg

 

Wochenspruch für diese Woche, er steht in Röm 8,14:

 

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

 

Predigt: Römerbrief 12,1-2:

 

 „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für heute steht im Römerbrief, Kapitel 12, die Verse 1-2. Lasst uns auf Gottes Wort hören:

 

„1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Mit einer schwarzen Schürze, die ich mir locker um die Hüfte geschnürt habe, stehe ich hinter der Theke. Heute ist nicht viel los. Auf dem kleinen Bestellzettel, den die Boniermaschine an der Ecke ausgedruckt hat, steht meine nächste Arbeitsanweisung: ein Mojito. Ein Klassiker. Der ist schnell gemacht. Ich werfe ein paar Limettenviertel und etwas Rohrzucker in ein Glas und zerstoße beides, bis ich einen braunen, klebrigen Brei erhalte. Dann gebe ich eine Handvoll Minzblätter, 6cl weißen Rum und crushed ice dazu, verrühre alles kräftig, steck noch einen Strohalm rein und reichen den Drink mit einer weißen Serviette meinem Gast an der Theke. Er nimmt einen ersten, großen Schluck, schmatzt einmal laut und sagt: „Aah, so liebe ich meinen Mojito“. Zufrieden lächele ich ihn an. „Das freut mich aber“, erwidere ich. Ein kurzer Blick auf die Ecke verrät mir, dass die Boniermaschine bereits vier weitere Bestellzettel ausgedruckt hat. Ich wünsche meinem Gast noch einen guten Durst und widme mich den nächsten Cocktails.

Liebe Gemeinde,

während meiner Studienzeit in Tübingen habe ich eineinhalb Jahre als Barkeeper gejobbt, um mir mein Taschengeld ein wenig aufzubessern. In dieser Zeit habe ich eine gewisse Passion für Cocktails entwickelt. Mich hat bald alles rund um das Thema interessiert: von den geschichtlichen Anfänge der Cocktails im sogenannten „Golden Age“ in den USA der 20er Jahre über die verschiedenen Anbaugebiete von Rohrzucker auf Kuba bis hin zu den besten Barkeepers der Welt. Ich habe viel Zeit und Geld investiert, um immer besser im Cocktailmixen zu werden. Ich hab mir Rezeptbücher und Zubehör gekauft, einen Boston-Shaker, einen Barlöffel, ein Sieb und ein paar Cocktailgläser. Ich habe Rezepte auswendig gelernt und versucht, sie zuhause zu verbessern. In der Bar, in der ich gejobbt habe, habe ich mich schnell mit dem Chefmixer befreundet und hab eifrig alles aufgesogen, was er mir beigebracht hat. Und wenn ich dann mal meine Freunde auf einen Freitagabend zu mir eingeladen habe, habe ich für sie Cocktails gemacht, und nichts hat mich mit soviel Freude und Zufriedenheit erfüllt, als zu sehen, dass sie ihnen schmeckten. Meine leidenschaftliche Hingabe an Cocktails hat mich verändert, sie hat mich zu einem guten Barkeeper gemacht.

Um eine noch viel größere, leidenschaftliche Hingabe, die das Leben in einem noch viel bedeutenderen Maß verändert, geht es auch im heutigen Predigttext, nämlich um die Hingabe an Gott. Der Apostel Paulus, der diesen Text geschrieben hat, erinnert und motiviert uns in seinem Brief, uns Gott ganz hinzugeben und erklärt uns aus auch, wieso wir dies tun sollen und auf welche Weise.

Die Hingabe an Gott ist für Paulus nicht grundlos, sie ist keine blinde Hingabe oder ein blinder Gehorsam. Der Grund unserer Hingabe liegt für Paulus in der Barmherzigkeit Gottes, in der Liebe Gottes, wie wir sie in Jesus erblicken. Denn bevor wir uns Gott hingeben, hat er sich schon längst uns hingegeben. In Jesus hat Gott uns bewiesen, wie sehr er uns liebt, dass er bereit ist, wirklich alles für uns zu geben, selbst sein eigenes Leben. In Jesus erkennen wir, wie Gott ist. Gott ist ein Gott, der sich der Schwachen und Armen annimmt, der Kranke und Besessene heilt, der Hungerenden zu essen gibt, der Gefangene befreit, der Ausgestoßene an seinen Tisch einlädt und Sündern eine zweite Chance gibt. Gott ist ein guter Gott, ein barmherziger und liebender Gott. Weil Gott gut, liebevoll und absolut vertrauenswürdig ist, deswegen ist er es wert, dass wir uns ihm ganz hingeben. Paulus befiehlt uns also die Hingabe an Gott nicht mit gehobenem Zeigefinger und drohendem Befehlston, sondern er ruft uns werbend dazu auf, auf die bedingungslose und absolute Liebe Gottes mit unserer absoluten und bedingungslosen Hingabe zu antworten. Die Barmherzigkeit Gottes uns gegenüber, seine Gnade und seine Liebe zu uns ist das, was uns motiviert, ein Leben zu leben, wie es Gott gefällt. Es geht nicht darum, Gott durch ein frommes Getue zu imponieren oder durch irgendwelche Opfer zu beschwichtigen, so als ob wir uns Gottes Wohlwollen erst durch unseren Lebenswandel verdienen müssten. Es geht viel mehr um unsere Antwort auf die Liebe, die uns Gott durch Jesus gezeigt hat.

Weil wir von Gottes Liebe gehört haben und ihr glauben, spiegeln wir diese Liebe wider, zuerst in der Liebe zu Gott und dann in der Liebe zu allen Menschen und uns selbst.

Wenn Paulus von dieser Hingabe spricht, die unser Leben als Christen bestimmen sollte, gebraucht er eine sehr bildhafte Sprache, die den Vorstellungen unserer Alltagswelt im ersten Moment eher fern liegt. Er redet davon, dass wir unsere Leiber Gott hingeben sollen als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer. Was Paulus hier sicherlich nicht im Kopf hat, sind Menschenopfer. Im Gegenteil, seine Idee ist revolutionär für seine Zeit. Denn damals war es übliche Praxis, die Götter mit blutigen Opfern zu besänftigen. All das verneint Paulus hier. Der lebendige Gott will keine toten Opfer, sondern lebendige. Anders gesagt meint Paulus damit eine Haltung, die geprägt ist von einer aufopfernden Leidenschaft für den guten Willen Gottes. Im Hintergrund dieses Bildes vom lebendigen Opfer steht mehr das Symbol der Taufe als das des Opferaltars. In der Taufe sind wir ja in den Tod Christi getauft und hinein in sein neues Leben der Auferstehung. Ist doch die Taufe für uns Christen das Zeichen unserer völligen Hingabe an Christus. Daher erinnert uns Paulus nun auch als Getaufte auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ein Leben zu führen, das unserem guten Vater im Himmel gefällt, unseren Herrn Jesus ehrt und dem Heiligen Geist entspricht. Zwar kennen wir heute keinen Opfer-Kult mehr, was auch gut ist, aber was aufopfernde Leidenschaft ist; ich glaube, damit können die Meisten etwas anfangen. Ein Beispiel für aufopfernder Leidenschaft im Alltag war beispeilsweise für für mich meine Passion für Cocktails. Für einen anderen ist es vielleicht die Hingabe an einen Sportverein oder die Treue zur einer Partei oder die Passion für ein Hobby. Aufopfernde Leidenschaft beweist auch, wer verliebt ist und alles für seine Liebste bzw. seinen Liebsten zu tun bereit wäre. Ich denke jeder von uns hat ein Hobby oder Menschen, für die er mit großer Hingabe bereit ist, Zeit und Geld zu opfern. Diese Art eines lebendigen Opfers, wenn man sich einer Sache oder einem Menschen ganz hingibt, ist die Art von Opfer, die Paulus hier vor Augen hat. Das schöne an dieser Art des Opfers ist, dass man eigentlich gar nicht das Gefühl hat, wirklich was zu opfern, weil man es aus Liebe macht. Man macht es gerne und am Ende erfüllt mich meine Hingabe mehr als sie mich kostet. So ist es auch mit der Hingabe an Gott. Sie ist nicht krampfhaft, erzwungen oder in erster Linie ein Verlust an Zeit und Kraft. Hingabe an Gott bedeutet Hingabe an die Liebe. Diese Hingabe ist freiwillig, erfüllend und sinnstiftend.

Und diese Hingabe bleibt nicht ohne Folgen. Liebe und Hingabe will sich auch immer praktisch ausleben, ob es mehrere Stunden sind, die ich im Hobbykeller verbringe, oder ein hartes Training, für den Sieg der eigenen Mannschaft. Auch die Liebe zu Gott hat ganz praktische Folgen. Die fangen schon im Kleinen an: ein Lächeln an der Kasse; ein herzliches Hallo; ein freundliches Danke, wenn man es nicht erwartet; ein mutmachendes Wort zur rechten Zeit; eine Umarmung am Arbeitsplatz; ein aufbauender Zuspruch, wenn man das Gefühl hat, man packt es nicht; ein aufmerksames Ohr, wenn jemandem was auf dem Herzen brennt; eine aufhelfende Hand, wenn man gestürzt ist; ein Lob, wenn etwas gelungen ist; sich einfach mal dazu setzen, wenn sich jemand einsam oder traurig fühlt; ein geschenkter Schokoriegel, einfach so, weil Schokolade immer gut tut.

Aber auch im Größeren hat unser Glaube an Gott den Schöpfer und unsere Liebe zu allen seinen Geschöpfen Konsequenzen. Ich denke, als Christen können wir der weltweiten Bedrohung der Natur durch rigorose Umweltverschmutzung, Massentierhaltungen und dem verschwenderischen Umgang mit den natürlichen Rohstoffen nicht tatenlos gegenüberstehen. Grade auch in der Coronakrise sind wir, denke ich, aufgerufen, uns mit den Schwachen zu solidarisieren, die Benachteiligten auf kreative Weise zu unterstützen und Weg zu finden grade für die Einsamen und Alleingelassenen dazusein, ob per Telefonanruf oder einem Videochat oder vielleicht durch einen leibevollen Brief. Diese Werte hochzuhalten und notfalls auch zu verteidigen, fällt in Zeiten wie diesen nicht immer leicht. Paulus spricht in diesem Zusammenhang davon, dass wir uns dieser Welt nicht gleichstellen und unseren Sinn erneuern sollen.  Was meint Paulus mit dieser Welt? Ich denke, es geht hier nicht darum die Welt zu verteufeln, so als hätte sie ein böser Gegengott erschaffen. Diese Welt in der wir leben, bleibt immer auch unsere Welt, die wir schätzen und lieben, und sie ist und bleibt auch immer Gottes gute Welt: von ihm geschaffen, erhalten und regiert. Aber sie ist auch die gefallene, die verlorene Welt, die nicht mehr nach Gott fragt, die Gott vielleicht sogar vergessen hat und nach ihren eigenen Regeln spielt, Regeln, die nicht immer dem entsprechen, was wir unter Nächstenliebe verstehen oder was wir darunter verstehen, die Schöpfung zu erhalten. Sich dieser Welt nicht gleichzustellen, bedeutet, nicht gleich jeder Mode nachzugehen, jeden Trend mitzumachen oder jedem Zeitgeist unreflektiert nachzugeben. Unsere Wertmaßstäbe sollten sich nicht nach dem richten, was grade „In“ ist, oder nach dem, was politischer Mainstream oder akademischer Konsens wäre, sondern nach dem, was Gottes guter und vollkommener Wille ist. Ich will damit nicht sagen, dass gleich jeder Trend schlecht ist, wir sind nur angehalten, alles zu prüfen. Die Bekennende Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus ist für uns heute immer noch ein leuchtendes Beispiel dafür! Wir sind keine Fähnchen im Wind, die jeder Bewegung widerstandslos nachgeben, sondern standhaft und gegründet im Wort Gottes sollen wir sein, stets darum bemüht, uns neu auszurichten nach dem, was der Liebe, der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes entspricht.

Diese leidenschaftliche Hingabe an Gott ist die Berufung eines jeden Einzelnen aber auch die Beruf der ganzen Kirche. Wir sind nicht alleine, sondern gehen diesen Weg als Gemeinde, als Kirche gemeinsam. Wir gehen gemeinsam Schritt für Schritt, halten uns  gegenseitig den Rücken frei, ermutigen uns untereinander, wenn wir verzagt sind, stärken uns, wenn uns die Kraft fehlt, und motivieren uns, wenn uns die Motivation mal ausgeht. Auf diesem Weg wachsen wir zusammen zu einem Körper. Genau davon redet Paulus in den nächsten Versen.

Ich wünsche uns für die nächste Woche, dass wir neu unser Leidenschaft und Hingabe für Gott entdecken. Das sich diese Leidenschaft neu Bahn bricht und uns neu verändert. Ich wünsche uns, dass wir diese Woche neu die Liebe Gottes zu uns erkennen, dass sie sich praktisch zu spiegeln beginnt, in der Liebe zur Schöpfung, unserem Nächsten und uns Selbst, und diese Liebe beginnt im Kleinen, z. B. bei einem kühlen Cocktail mit einem Freund, den man schon lange nicht mehr gesehen hat.

„Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

Amen.

Gottesdienst zum Neujahrstag, 1.1.2021,

10.45 Uhr Evang. Kirche Fornsbach

17.00 Uhr Evang. Kirche Kirchenkirnberg

 

 

Tagesmotto: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Heb 13,8

 

Psalm 8

 

Lesung: Lk 4,14-21 (Jesu „Antrittspredigt“ in Nazareth)

Und Jesus kam in der Kraft des Geistes wieder nach Galiläa und die Kunde von ihm erscholl durch alle umliegenden Orte. Und er lehrte in ihren Synagogen und wurde von jedermann gepriesen.

Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen. Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.« Und als er das Buch zutat, gab er's dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

 

 

Lied: Wir haben Gottes Spuren festgestellt, EG 658,1-3

 

Predigt: Php 4,10-13

Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen; ihr wart zwar immer darauf bedacht, aber die Zeit hat's nicht zugelassen. Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie's mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

 

Liebe Gemeinde,

wenn ich mich mit meinen Gedanken aus meiner näheren Umgebung ein gutes Stück weit entferne, dann kann ich mir bei einigen Zeitgenossen heute eine Art doppelten Kater vorstellen: Die eine Kopfhälfte schmerzt, weil gestern keine ausgelassene Sylvesterparty möglich war, und die andere Kopfhälfte tut weh, weil genau diese Mangelerfahrung zu einem erhöhten Alkoholkonsum geführt haben kann, der seine Nachwirkungen hinterlässt.

 

Ich selber habe mich an einigen Raketen mitgefreut, die ihre bunten Blüten an den Himmel gezeichnet haben, aber es ist mir auch aufgefallen, dass ich zum ersten Mal seit Jahren unsere Kirchenglocken zur Mitternacht hören konnte. In den Jahren zuvor kam immer die skeptische Frage auf: Hast Du die Glocken denn abgestellt?

Die Defiziterfahrung des Einen ist der Reichtum des Andern geworden heute Nacht. Und mancher Haus- und Hofhund wird sicherlich profitiert haben von der vergleichbaren Ruhe dieser Sylvesternacht.

 

Paulus bilanziert in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi keine Sylvesternacht, sondern seine Lebensmittelrationen der letzten Tage in Haft. Und er gibt uns einen wertvollen Hinweis für eine Art Notlagenseelsorge mit auf den Weg.

 

Gebt mir wenige Minuten, um den Hintergrund dieser wenigen Zeilen hinzuzulegen:

Paulus war unterwegs. Seine Mission: Das Evangelium muss die ganze bekannte Welt umspannen. Seine Technik: Er selbst. Zu Fuß, per Schiff, mit dem Karren war er im gesamten Mittelmeerraum auf Achse, von einer Stadt zur andern. Ich sehe ihn am Marktplatz, in einer Philosophenschule oder auf dem Forum der politischen Diskurse stehen und von Jesus Christus predigen. Auch vor Synagogen machte er nicht halt, war Paulus selbst doch ein militanter Jude gewesen. Seine Predigten haben ihm zumeist einige Anhänger, aber auch eine ordentliche Portion Ärger und Anfeindungen eingebracht. Auch das schlichte Unverständnis konnten ihm die Leute kopfschüttelnd zurückspiegeln.

 

Jetzt also war es wieder einmal zum Konflikt gekommen, und Paulus sitzt in Haft. Mal als Unruhestifter, mal, weil seine Predigt geschäftsschädigend für bisher erfolgreiche hellenistische Kultinstitutionen werden konnte, mal, weil er sich der Staatsdoktrin mit der Verehrung des Kaisers als Gott widersetzt hat.

 

In Philippi hatte er Freunde, die ihn auch mit Carepaketen im Knast versorgten. Drum dankt er den Einzigen, die ihn so tatkräftig stärken. In Philippi hatte Paulus aber auch einen der schärfsten Konflikte auszutragen. Da gab es also verschiedene Reaktionen auf seine Predigt.

 

Wenn wir den ganzen Brief lesen könnten würde ich jetzt zum Beginn des dritten Kapitels wechseln. Dort zieht Paulus für sein bisheriges Leben Bilanz. So wie wir das vielleicht für einen kurzen Lebensabschnitt zum Jahreswechsel oder im Blick auf einen Geburtstag tun. Seine Gegner in Philippi haben ihn wohl dazu provoziert und ihn, so wage ich zu spüren, ins Mark seines Daseins getroffen.

Wann kommen wir nicht umhin, uns Gedanken über unseren bisherigen und den künftigen Weg zu machen? Dann, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht, oder wenn alles Bisherige in Frage gestellt ist. In der Notlagenseelsorge komme ich zu Menschen, die genau diese bohrenden Fragen in sich bewegen.

 

Paulus schüttet seinen Freunden und mit ihnen – der Brief wird öffentlich verlesen -  seinen Gegnern sein Herz aus. Die Wortwahl ist dabei alles andere als zimperlich.

„Nehmt euch in Acht vor den Hunden!“ So nennt Paulus seine Gegner in Philippi. Dann zählt er auf, was ihn zu einem der deutlichsten Juden macht, klarer, als das irgendjemand sonst von sich das jüdisch-Sein behaupten könnte. Aus dieser Richtung also kommen die Infragestellungen seines Tuns, seiner Predigt. Mit jedem Satz lese ich Tränen darüber heraus, was Paulus auch alles aufgegeben hat, was ihm wertvoll, ja, heilig gewesen war, bevor er diesem Christus begegnet war.

Aber das Andere, das Leben im Geist Christi, ist ihm um ein vielfaches wertvoller, richtiger, ja, dieses Christenleben ist Paulus der einzige jetzt noch gangbare Weg.

 

Und drum seine Bilanz: Alles, was ich bis dahin gelebt hatte, ist mit zum Nachteil geworden. Nicht, weil es an sich wertlos wäre, sondern, weil Christus so viel mehr in mein Leben bringt.

Verglichen mit dem, was ich in Christus habe, ist alles, was davor war, Scheiße – ja, die Deutschen Übersetzer wählen das Wort Dreck, die Schweizer Kehrricht. Aber Paulus meint das starke Wort aus der Gosse.

Paulus also bilanziert radikal, wie sich das nahelegt in massiven Umbruchsituationen des Lebens. Was hält mich im Bisherigen? Was bringt mir die Alternative, ein neues Leben? Überlegungen vor allem für Sackgassen des Lebenswegs.

 

Wie lange halte ich noch durch in der Pflege meiner Mutter? Was bringt das Festhalten an einer innerlich zerbrochenen Ehe im Vergleich zu einer sonst offenen Zukunft? Welche Richtung soll mein Leben nehmen, wo mein Partner, meine Partnerin nicht mehr lebt? Was fange ich mit meinem jungen Leben an, wenn meine Schulabschlüsse den Traumberuf nicht hergeben? Was verliere ich, was kann ich gewinnen?

 

Bilanzieren hilft, Klarheit zu gewinnen. Paulus ist sonnenklar: Allein Christus zählt für mich. Alles Andere werfe ich fraglos über Bord.

 

Und dann, nach dem Bilanzieren, kommt das zweite Seelsorgetool, für mich auch in Notlagen von zentraler Bedeutung. Wie soll ich das alles jetzt schaffen? Die Frage stellt sich Paulus von außen: Wie schaffst du das alles? Aber sie bohrt sicher auch in ihm selbst.

 

…ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht. Ganz wörtlich: Ich habe Kraft für alles in dem, der mir die Energie dafür gibt, oder noch genauer: der in mich hinein energetisiert.

 

Wenn der Boden unter den Füßen verloren geht, erkunde ich im Gespräch mit meinem Gegenüber, welche Kraftquellen es denn bisher gab, um schwierige Situationen zu überstehen. Die Freundin. Die Mutter. Der ausgedehnte Spaziergang im Wald. Ein Lied im Hinterkopf als Einschlafhilfe, und sei es aus Kindheitstagen. Ein Bild, eine Erinnerung aus schönen Zeiten. Der Blick auf andere, die es auch irgendwie schaffen. Und tatsächlich: Der Blick auf den Jesus am Kreuz: Was hat der nicht alles ausgehalten? Vor allem: Der weiß, wie es um mich steht. Und drum ist einer der Überlebenswege das Gebet. Auch, wenn das Bilanzieren keine Klarheit bringt. Das Gespräch hilft sortieren, auch das Gespräch mit Gott. Und das Gebet gibt Halt, wenn der Boden unter den Füßen wegzurutschen droht.

 

Die zentrale Grundlage für jede Kraftquellensuche bei Gott ist seine liebevolle Haltung. Er meint es gut mit uns. Jesus verliest mit dem Jesajawort in den ersten Tagen seiner Wirksamkeit ja auch sein eigenes Programm: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«

Ein solches Gnadenjahr des Herrn, ein Jahr neuer Lebenschancen, ein Jahr mutigen Zugreifens, und den Mut zum ehrlichen Bilanzieren wünsche ich uns allen, ganz besonders allen, die vor der Zukunft straucheln, die sich sorgen, wie es weitergehen soll, die kraftzehrendes Festgefahrensein an sich und in sich erleben.

 

Wertschätzung für das, was war, und dann aber auch Freude auf das, was sein kann. Und die Kraft, die Energie dazu erbitte ich mir von dem, der in mich hinein energetisiert, von dem, der Liebe ist. Amen.

 

 

 

Lied: Ich singe dir mit Herz und Mund, EG 324,1.2.12-14

Gottesdienst zum Altjahrsabend, 31.12. 2020,

17.00 Uhr Evangelische Kirche Kirchenkirnberg


 

 

Tagesspruch: Ps 31,16: Meine Zeit steht in deinen Händen

Lied: Meine Zeit steht in deinen Händen, EG 628,1-3

Psalm 27, statt Ehr sei dem Vater: Christus, dein Licht, WWDL 11

Lesung: Lk 24,13-29 // 30-32, mit Kanon: Herr, bleibe bei uns… EG 483

 

Und siehe, zwei von ihnen waren an demselben Tage unterwegs in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander über allen diese Ereignisse. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkennen konnten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie grieskrämig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hatten gehofft, dass er es sei, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns einige Frauen aus unserer Mitte erschreckt, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, dass er lebt. Und einige von uns waren zum Grab aufgebrochen und fanden's so vor, wie die Frauen sagten; ihn aber sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Unwissenden mit eurem schwerfälligen Herzen, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?

Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, zu dem hin sie wanderten. Und er tat ihnen gegenüber so, als wollte er weitergehen. Sie aber bedrängten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es geht auf den Abend zu und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.

 

Kanon: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden… EG 483 (Schola)

 

Und es geschah, als er sich mit ihnen zu Tisch gelegt hat, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er wurde von ihnen weggenommen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schriften öffnete?

 

 

Lied: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (Kanon) „plus“ 147

 

Predigt: Ex 13,20-22 (Feuersäule)

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Liebe Gemeinde,

zu Sylvester 2020 versammelt sich eine ganze Bevölkerung um das zentrale Thema: Corona. Wie geht es weiter im Jahr 2021? Hoffentlich bekommen wir diese gewaltige Krise unseres sonst so unabhängigen und fast schon unverletzbar gewähnten Lebens endlich in den Griff.

In Deutschland, ja, in der Welthälfte der reichen Industrienationen, komme ich mir vor wie in jener Aprilnacht auf der Titanic: Scheinbar unsinkbar auf hohem Ross mit einem kräftigen Schuss Luxus unterwegs staunen wir immer noch über die Wucht einer kleinen Eisbergspitze im Rumpf unseres Weltdampfers. Wir starren auf die ruhige See, die erkennbar dieses Schiff zu verschlucken droht. Wir sehen zu, wie die ersten Opfer über Bord gehen, und zunehmend gewöhnen wir uns an die Toten, deren Zahl schon bald niemanden mehr wirklich interessiert.

Einzelne atmen auf im Rettungsboot Impfstoff; das kostbare, weil noch sehr knappe, Gut gerecht zu verteilen, wird zur Mammutaufgabe. Frauen und Kinder zuerst: Das sind hier die Alten und ihre Pflegekräfte, dort das medizinische Personal. Ein Mediziner aus der ärmeren Hälfte der Erde hat schon vor Wochen gefragt, ob Deutschland wohl jedes Kind geimpft haben wird, bevor der erste Arzt seines Landes den Schutz einer Corona - Impfung bekommen kann. Und im Inland ist seit vorgestern von einem frühen Impftourismus die Rede, dorthin, wo es schneller geht.

Dass ich all das aus meiner Perspektive so aufzähle, hat damit zu tun, dass mich all das nicht kalt lässt. Der Rückblick auf das Jahr 2020 hat viel mit dem Ausblick auf 2021 zu tun, aber auch mit dem Draufblick auf die Verfassung unserer Gesellschaft.

 

„Wir werden miteinander wahrscheinlich viel verzeihen müssen in ein paar Monaten“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 22. April. Ja, ich erkenne auch bei mir die Notwendigkeit, um Vergebung zu bitten. Auch wenn wir vieles nicht besser gewusst haben, es tut mir immer noch weh, wie dieses Jahr der Entmenschlichung Vorschub geleistet hat.

 

Wir haben Menschen unbegleitet sterben lassen. Schon im April, und auch jetzt wieder. Wir haben innerlich kopfschüttelnd und aufgewühlt zugelassen, dass wir Menschen aus unserer Mitte im allerkleinsten Kreis zu Grabe tragen – ohne die sonst so selbstverständliche breite Wertschätzung und ohne die hilfreiche Wolke des Mitgefühls einer breiten Anteilnahme für die Angehörigen.

Wir haben unsere pädagogischen Fachleute – oft übrigens Frauen mit gar nicht so großzügigem Verdienst – genötigt, ohne jeden Schutz ungetestete Kinder einen ganzen Tag lang zu betreuen, in engem Körperkontakt, wie es anders auch gar nicht geht.

Und wir nehmen in Kauf, dass die Ressourcen, die wir hätten, Tests vor allem, der Deutschen Fußballiga eher zuteil werden, als den Pflegeheimen oder den Schulen – auch wen die DFL erklärt, dass ihre Testkapazitäten niemanden weggenommen würden.

 

Mein dritter Blick gilt den Kliniken: Wie zynisch klingen heute die Worte von Politikern und Ärzten nach, die im Frühjahr schon Lockerungen angemahnt hatten, weil doch noch genügend Platz in den Intensivbetten sei. Wohl wissend, dass aus der Gruppe der Infizierten immer ein erkennbarer Teil auch in die Klinik muss, und dass von den Beatmungspatientinnen und -patienten immer noch fast die Hälfte nicht zu retten ist. Diese Menschen müssen sterben, weil wir nicht viel früher viel konsequenter auf einander ausgepasst haben.

Und noch eine Last: Wie schnell hörten wir, es seien ja nur Hochbetagte, die sowieso sterben. Ja, mein Freund Klaus hatte Rückenschmerzen; aber ohne Ischgl wäre er noch unter uns. Und zwischendurch lagen zunehmend Menschen in meinem Alter auf Intensiv.

Mein heute letzter Corona - Blick gilt der Wirtschaft: ich habe mir im März ein Aktienpaket gekauft, um die Entwicklung dieses Finanzsektors durch die Coronakrise verfolgen zu können. Was soll ich sagen: Seit März bis heute gab es kaum einen Tag, an dem der Wachstumskurs dieses Geldes nicht bei über 9 % gelegen war. Milliardenschwere Hilfspakete, Kurzarbeit, einkommenlose Selbständige, geschlossene Geschäfte und Gasthäuser, bedrohte Familien und dann das: 9% Wachstum im Finanzsektor, bei einem zufällig ausgewählten Aktienmix. Und dieser Tage der DAX auf Allzeithoch. Wie krank ist eigentlich ein Wirtschaftssystem, das so eine Diskrepanz abbildet zwischen Investment und realer Arbeitswelt?

 

Bleib bei uns, Herr, denn sonst sind wir allein auf der Fahrt durch das Meer, bleibe bei uns, Herr!

 

Es fehlt an Orientierung, an Solidarität, an Zusammenhalt.

 

All das: Das Fehlen von Orientierung, Solidarität und Zusammenhalt erlebten Familien um Mose vor über 3000 Jahren. Nach zähem Ringen und Anfeindungen untereinander waren sie in eine unbekannte Zukunft aufgebrochen. Und wenn sie wüssten, was sie noch vor sich haben, wären sie womöglich zuhause geblieben, auch wenn es ein echtes zuhause für sie dort in Ägypten nicht gab.

Unsere Bibel ist randvoll von der Erinnerung an die Zeit dieses Aufbruchs, weil er von später aus betrachtet, gelungen war. Dieser Weg aus der Ausweglosigkeit in eine würdevolle Zukunft mit Perspektive wurde immer wieder zum Anknüpfungspunkt auch in späteren Krisenzeiten. Der Auszug der Israeliten aus Ägypten lebte von einer zentralen Voraussetzung: Vom Vertrauen in den lebendigen Gott, der da ist, der mitgeht, der dabeibleibt, der Orientierung gibt und Halt. Der Verzeihen möglich macht und Fehler ausbügelt, wie er Umwege einbaut und doch die Richtung klar vor Augen hält.

 

Sukkot, das Dorf der Laubhütten, kann überall und nirgend sein, es erzählt von der Mobilität der aus Ägypten wegmigrierten Menschenmenge. Etam lässt sich gar nicht mehr mit einem konkreten Ort identifizieren, aber dass der Ort am Rand der Wüste liegt, macht die Bedrohlichkeit der Lage deutlich. Die Wüste: Lebensfeindlich, und doch auch Ort der Gottesbegegnung. Und dann die Wolken- und die Feuersäule. Wissenschaftler gehen seit Generationen von einer Vulkantätigkeit aus, die den Menschen ein Bild für die Richtungsweisung bot. Ihr Kompass war kein Stern, kein GPS, sondern das Gotteswort, singt ein Lied. Solche Vulkane gab es im späteren Nabatäerland, also nicht direkt auf der Sinaihalbinsel, sondern noch weiter östlich. Grob Richtung Jerusalem. Schon Paulus hatte eine ähnliche Deutung seiner hebräischen Bibel vorgetragen (Gal 4,25: Der Sinai auf der Arabischen Halbinsel, östlich vom Golf von Aqaba).

 

Wolken- und Feuersäule sind primär als Orientierungspunkte gedacht. Als Wegweiser in einer lebensfeindlichen und kaum strukturierten Umgebung. Was bei den Leuten Israels die Wüste voller Sand und Steine war, mag bei uns bedeuten: Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Es geht ums große Ganze. Orientierung nicht nur für den Moment, für die einzelne Weggabelung, sondern Orientierung fürs Leben. Wenn Gott seinen Geist in ein jedes von uns legt, dann geht es für uns um unseren inneren Kompass.

Und wenn Gottes Geist der Geist der Liebe ist, derselbe Geist, in dem Josef und Maria trotz aufgekommener Zweifel an der Vaterschaft Jesu beieinander geblieben sind, dann richtet Gottes innere Kompassnadel aus in Richtung Zusammenhalt. Nicht plakativ als hashtag #zusammenhalten im Fernsehprogramm, sondern konkret bei uns im Dorf, in der Gemeinde, in der Community der Weltbevölkerung, die wir allesamt von Corona in Geiselhaft genommen sind. Wenn Gottes Geist der Geist der Liebe ist, der Jesus sogar seine Henker verzeihen lässt, dann richtet Gottes innere Kompassnadel aus in Richtung Vergebung und Vergebungsbereitschaft.

Und wenn Gottes Geist der Liebe der Tröster ist, der einer Maria am Grab aus dem Mund des Auferstanden zuflüstert: Der, den du suchst ist nicht hier, er lebt, dann richtet Gottes innere Kompassnadel aus in Richtung Leben. Dann stimmt Luthers Deutung des Gebots: Du sollst nicht töten in die Positivrichtung: Unterstütze alles Lebensförderliche.

 

Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Gott bleibt mit uns unterwegs. Trotz des Jahrs 2020. Gott bleibt mit uns unterwegs. Hinüber ins Jahr 2021.

Bei allem menschlichen Versagen, das ich von mir kenne, bleibt meine Antwort auf die Gewissheit seines Mitunsseins die  - nennen Sie es bescheidene oder demütige - Bitte: Bleibe bei uns, Herr, Immanuel. Amen.

 

Lied: Befiehl du deine Wege, EG 361,1.3.8.12

Dass mir des no erläba dirfet!

Distrikt-Gottesdienst zum 1. Sonntag nach dem Christfest, 27.12. 2020,

10.45 Uhr Evangelische Kirche Kirchenkirnberg

 

Wochenspruch: Joh 1,14

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

 

Lied: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, EG 27,1+4-6

 

Psalm Nunc dimittis (Lk 2,29-32)

 

Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,

wie du gesagt hast;

            denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,

            den du bereitet hast vor allen Völkern,

ein Licht, zu erleuchten die Heiden

            und zum Preis deines Volkes Israel.

 

Ehr sei dem Vater, gesungen (Schola)

 

Lesung: Lukas 7,18-23

 

Und die Jünger des Johannes verkündeten ihm das alles. Und Johannes rief zwei seiner Jünger zu sich und sandte sie zum Herrn und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

Als aber die Männer zu ihm kamen, sprachen sie: Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und lässt dich fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?

Zu der Stunde machte Jesus viele gesund von Krankheiten und Plagen und bösen Geistern, und vielen Blinden schenkte er das Augenlicht.

Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt;

und selig ist, wer sich nicht ärgert an mir.

 

Lied: Herbei o ihr Gläubgen, EG 45,1.2.4

 

Predigt: Lk 2, 22-40 (Auszüge, Basis-Bibel): Simeon und Hannah

Nach acht Tagen war es Zeit, das Kind zu beschneiden. Es bekam den Namen »Jesus«. So hatte es der Engel bestimmt, noch bevor Jesus im Mutterleib empfangen wurde.…. Da gingen Maria und Josef mit Jesus hinauf nach Jerusalem, um das Kind zu dem Herrn zu bringen. So schreibt es das Gesetz des Herrn vor…

Sieh doch: Damals lebte in Jerusalem ein Mann, der Simeon hieß. Er hielt Gottes Gebote und vertraute ganz auf ihn. So wartete er auf den Retter, den Gott seinem Volk Israel schickt. Der Heilige Geist leitete ihn.26Und durch den Heiligen Geist hatte Gott ihn wissen lassen: »Du wirst nicht sterben, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast.« Jetzt drängte ihn der Heilige Geist, in den Tempel zu gehen. Gerade brachten auch die Eltern das Kind Jesus dorthin. Sie wollten die Vorschriften erfüllen, die im Gesetz für das Kind vorgesehen sind. Simeon nahm das Kind auf den Arm. Er lobte Gott und sagte: »Herr, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung. Alle Völker sollen sie sehen – ein Licht, das für die Heiden leuchtet, und deine Herrlichkeit aufscheinen lässt über deinem Volk Israel.«

Der Vater und die Mutter von Jesus staunten über das, was Simeon über das Kind sagte.

 

Es war auch eine Prophetin im Tempel. Sie hieß Hanna und war eine Tochter Penuels aus dem Stamm Ascher. … Nach ihrer Hochzeit war sie sieben Jahre mit ihrem Mann verheiratet. Seitdem war sie Witwe und nun vierundachtzig Jahre alt. Sie verließ den Tempel nicht mehr und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. Jetzt kam sie dazu und lobte Gott. Dann erzählte sie allen von dem Kind, die auf die Rettung Jerusalems warteten. Josef und Maria erfüllten im Tempel alle Vorschriften, die das Gesetz des Herrn vorsieht. Dann kehrten sie nach Galiläa zurück in ihre Heimatstadt Nazaret. Jesus wuchs heran und wurde ein kräftiges Kind. Gott schenkte ihm Weisheit und seine Gnade begleitete ihn.

 

 

Also, dass mir des no erläba dirfet!

 

Liebe Gemeinde,

wer mit mir schon einmal in den Bergen war, kennt meinen Ausspruch – und mancher hat ihn sich schon zu eigen gemacht: Also dass mir des no erläba dirfet!

Da steht man am frühen Morgen auf, nach einer vielleicht gar nicht gemütlichen Hüttennacht im Schlafraum mit mindestens einem Schnarcher im Matratzenlager, ein Frühstück, das mir zumindest immer zu früh kommt, um wirklich schmecken zu können. Dann zwängt man die Füße in die klammen und vor allem steifen Bergstiefel, beugt sich über den vom Vorabend noch gut gefüllten Bauch zum Zubinden der Schnürsenkel, um dann bei dunkler Nacht oder in grauer Morgendämmerung zu einer Bergtour aufzubrechen.

Den Duft des Waldbodens und des Nadelgehölzes im Atem durchwatet man so manche matschige Pfütze, das nasse Gras durchtränkt die unteren Hosenbeine, und dann geht’s bergan, steil, das Atmen wird schwerer, die Worte werden spärlich. Was dem Einen eine willkommene Abwechslung bietet, ist dem Andern schon ein kleiner Horrortrip: Stahlseile über schwindelerregendem Abgrund. Jetzt nur nicht wegrutschen. Die Angst steigt mit.

Doch irgendwann ist auch diese Steilstufe überwunden, der Blick weitet sich, und zum ersten Mal steht er da: Der Gipfel, das Ziel des Tages. Und um ihn herum: Weite Landschaft, im Federkissen des Talnebels liegt sie vor Augen wie ein Inselmeer im Pazifik. Zeit anzuhalten, Zeit für einen Schluck aus der Trinkflasche, Zeit, Ausschau zu halten. Guggat au naus! Also, dass mir des no erläba dirfet! Und alle stimmen mit ein: Dass mir des no erläba dirfet.

 

Und je weiter der Aufstieg den Blick frei gibt, umso häufiger ist dann der Ausspruch zu hören: Guggat au naus, dass mir des no erläba dirfet!

 

Von meinem Freund Mike habe ich diesen Spruch übernommen, und er begleitet mich und manche Mitwanderer bei seither jeder Tour.

 

Leicht sagt sich das dahin im Moment der Faszination an einer Landschaftsszenerie: Guggat au naus: Dass mir des no erläba dirfet.

 

Niemand von uns hätte damals, vor fast 40 Jahren, an die Begrenztheit unseres Lebens gedacht, daran, dass wir den Ende des eigenen Lebens schon nah wären. Auch wenn wir auf unseren Bergtouren manches Mal das Leben ein zweites oder drittes Mal geschenkt bekommen haben, so gefährlich wir auch immer wieder unterwegs waren.

Wir haben den Spruch von den Älteren übernommen. Die waren in ihrer Lebensgeschichte schon weiter.

 

Wie Simeon, wie Hanna, wie Johannes der Täufer. Für die Drei war nicht das geduldige Ansteigen auf einen Berg ihr Lebensthema, sondern das geduldige Warten auf den Messias, den König Gottes. Ein ganzes Leben lang in Erwartungshaltung leben: Adventlich leben, nicht für vier Wochen, sondern, wie Hanna, 84 Jahre lang. Was für eine Spannung. Ein Leben nie ohne ein Ziel vor Augen. Ein Leben in Sehnsucht. Ein Leben voller Hoffnung. Ein Leben, das sich im Alter nicht zurücklegt angesichts einer respektablen Lebensleistung oder auch angesichts einer spürbaren körperlichen Ermüdung, sondern ein Leben, das noch etwas will. Etwas erleben will. Ihn erleben will.

 

Simeon und Hanna sind regelmäßig im Gottesdienst. Simeon wusste sich an diesem einen Tag vom Geist Gottes geschickt, Hanna hingegen hatte den Tempel gar nicht mehr verlassen. Zwei unterschiedliche Wege, Gott nah sein zu wollen, führen die beiden Hochbetagten zur rechten Zeit an den richtigen Ort.

 

Noch zu Lebzeiten sollen sie den Messias Gottes sehen. Maria und Josef bringen ihren frischgeborenen Jesus zum Tempel, so wie wir unsere Kinder zur Taufe bringen.

Und Simeon ist dabei. Er bekommt den kleinen Jesus in die Arme gelegt. Was für ein Gefühl, schon bei jedem kleinen Kind. Vorsicht und Staunen kommen da zusammen, diese Persönlichkeit strahlt aus, ein ganzes Menschenleben hast du jetzt auf deinen Armen.

Und dann betet Simeon Worte in der Form eines Psalms, bei genauem Hinsehen, ein Dankgebet, dass er dies noch hat erleben dürfen, verbunden mit dem Bekenntnis: Meine Augen haben deine Rettung gesehen, ein Licht, den Völkern die Augen zu öffnen und eine Ehre für den Volk Israel.

Guggat au naus: Hier ist der, der aller Welt Heilung bringt. Dass i des no han erläba dirfa.

 

Und Hanna mit ihren 84 Jahren hat einen neuen Lebensinhalt gefunden: Sie sagt es allen weiter, die es hören wollen. Heute, hier kommt eure Hoffnung zum Ziel.

 

Darf ich Johannes noch hinzuholen? Er sitzt in Haft, und wir wissen, dass er das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen wird. Er hat Jesus getauft, und ist nun doch noch immer nicht sicher, ob es wirklich Jesus ist, auf den er gewartet hat bisher, und auf den hinzuweisen seine Lebensaufgabe war. Aber das Zeugnis seiner Anhänger ist klar: Wer sonst sollte Heilung bringen als der, der Blinde sehen macht, Tauben die Ohren öffnet, Gelähmte auf ihre Beine stellt, Toten das Leben zurückgibt und den Armen die Frohbotschaft Gottes bringt.

Guggat au naus: Es ist mit eigenen Augen zu sehen. Dass ich das noch erleben darf, mag sich Johannes dann gelassen und erleichtert zurücklehnen und sein Schicksal erwarten.

 

Und wir? Lukas eröffnet die Szene mit Simeon mit einer aus dem hebräischen stammenden Formel: Sieh! Gugg au no! Sieh doch: Öffne deine Augen für das, was hier passiert.

Ein unscheinbares Kind in den Armen eines alten Mannes ist der, auf den alle gewartet haben. Hier, in diesem Moment erfüllt sich ein Lebenstraum: Für Simeon, für Hanna.

 

Was ist deine Lebensperspektive? Deine Sehnsucht? Dein Ziel? Sieh doch! Gugg no. Das Kind in der Krippe ist der, der deiner Welt, deinem Leben Heilung, die Rettung bringt.

Die Mönche und Nonnen in den Klöstern der Welt beten Simeons Lobgebet jeden Abend, vor dem Schlafengehen: Nunc dimittis, jetzt kannst du mich in Frieden sterben lassen. Jetzt, da ich alles Lebensnotwendige gesehen habe.

 

Und dann kommt doch noch ein Einwurf: Ja, ich wäre auch gern dabei gewesen. Damals. Ja, ich  hätte auch gern mit eigenen Augen gesehen, wie da einer zum ersten Mal sehen konnte, ich wäre gern dabei gewesen, wie der gelähmte junge Mann seinen Heimweg auf eigenen Füßen angetreten war, die jahrelang als Tragetuch benutzte Liegematte auf der Schulter. Sieh doch: Aber ich hier und heute kann ihn nicht sehen!

 

Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Sagt Jesus seinem Jünger Thomas weinige Tage nach dem ersten Ostermorgen.

 

Guggat au naus. Für mich heißt das heute: Gugg au nei, schau meinetwegen in die leere Krippe der Heiligen Nacht: In so einer Krippe lag tatsächlich Gottes Sohn. Und dann gugg nei in deine Bibel: Da erzählen dir die Zeugen von damals, dass ihr Lebensziel für sie Wirklichkeit wurde. Und dass Gottes Geschichte weitergeht. Auch mit Dir!

 

Gugg net bloß auf alles negative in der Welt, sondern gugg auf die große Geschichte, die Gott mit uns Menschen vorhat. Faszinierendes ist schon geschehen. Und es kommt noch besser.

 

Dass mir des no erläba dirfet: Ja, mach es zum Ziel, zur Sehnsucht, zur Hoffnung auch für dein Leben. Amen.

 

Lied: Fröhlich soll mein Herze springen, EG 36,1.9.10.12

Gottesdienst zum Christfest I, 25.12. 2020

Wochenspruch: Joh 1,14: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

 

Lied: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, EG 27,1+6

 

Psalm Magnificat (761)

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;

denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

Denn er hat große Dinge an mir getan,

der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht

bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,

wie er geredet hat zu unseren Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

 

Lesung: Lukas 2,1-7

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

 

Chor: Vom Himmel hoch, da komm ich her, EG 24, 1-3+5

 

Lesung: Lukas 2,8-20

 

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

 

Chor: Hört der Engel helle Lieder, EG 54,1-3

 

Predigt: Jes 52,7-10

 

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!

Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

 

 

Geliebte Gemeinde Jesu Christi,

 

was ist Weihnachten ohne unsere Lieder? Schmerzhafter als in sonst irgend einer Kirchenjahreszeit erlebe ich, wie wertvoll unsere Schola für unser gottesdienstliches Feiern ist, und gleichzeitig halte ich es schier nicht aus, mir, statt laut mit einzustimmen, fast auf die Zunge beißen zu müssen hinter meiner Mund-Nasen-Maske. Eigentlich wollen diese Lieder raus, auch aus meinem Hals, mit meiner Stimme.

 

Und gerade, wenn es zuhause zu wenige Stimmen sind, als dass das Singen richtig gut tun könnte, schafft gerade das doch die Kirche, die den Klang meiner Stimmbänder in ein großes Ganzes des gesamten Gemeindegesangs einflechtet. Nein, so ein Weihnachten bricht die Freude, unterminiert unser Feiern.

Gut, wenn es da zuhause eine CD oder andere Musikquellen gibt, mit denen man, die Musik laut aufgedreht, mitsingen kann. Vielleicht merken wir uns das Verstummen unserer Kehlen bis zum nächsten Jahr, um dann umso kreativer das gemeinsame Singen wiederzuentdecken oder nochmal neu zu lernen.

 

Ein Lied fast ist die Poesie aus dem Prophetenbuch Jesaja, die uns heute unsere Weihnachtsgefühle zur Sprache bringen hilft. Im Deutschen kaum nachzuahmen, leben diese Zeilen von einem eigenen Rhythmus und von Sprachklängen mit immer wiederkehrenden Buchstabenkombinationen, einem schön geformten Gedicht gleich. Wie unsere Weihnachtslieder. Und der Rhythmus treibt einen an beim Lesen, gelungen übersetzt in der zweiten Zeile: Die Frieden hören lassen, Gutes predigen, Heil verkünden.

Da möchte man mitschwingen in ein freudestrahlendes Tanzlied, das dem Gloria der Engel in der Christnacht in nichts nachsteht.

 

Helle Lieder. Weil die Worte schon Freude machen, und die Melodie kommt dann hinzu.

 

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten. Das ist der Kontrast zum Hilferuf: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe? (Ps 121). Und dann bleibt mein inneres Auge hängen: Es starrt nicht auf den steilen Anstieg, sondern es lacht über Füße. Die Füße der Freudenboten sind das Thema meines Liedes. Mein Thema in den Bergen waren immer die Blasen an den Füßen, der Schmerz, der bei jedem Schritt bis hinaus in die Haarwurzeln zieht. Nach einer der schönsten Bergtouren habe ich einmal 13 Blasen gezählt. Der Abstieg war kaum auszuhalten.

 

Und jetzt lese ich von schönen Füßen mit einem Liebreiz, der das Auge anzieht. Freudenboten sind da unterwegs auf leichten Füßen, auf schönen Füßen, deren Tritt man in der Nähe nicht erwarten kann, weil sie so Schönes transportieren. Aber ehrlich: Ich habe noch nie einer Bedienung auf die Füße gesehen, nur weil sie mir bald einen saftigen Rostbraten oder einen süßen Erdbeerbecher serviert. Da braucht es schon eine besondere Wahrnehmungskraft für Füße. Mag sein, dass unser fröhliches Friedenslied zuvor jahrelang von trampelnden Soldatenstiefeln im Keim erstickt war. Die Bibel kennt auch diese lebensverneinenden Töne. Und die Füße sind dann besonders im Blick, wenn man am Boden liegt, das Gesicht im Staub, in den Dreck gedrückt.

 

Das also lässt unser Friedenslied hinter sich zurück und freut sich an den Füßen der Freudenbotinnen und -boten. Die bringen Frieden: Shalom, Gutes, was auch immer uns Menschen gut tut, und Heil: Im Hebräischen steht hier der Name Jesu: Jeshua: Rettung, Erlösung.

Shalom: Frieden im umfassenden Sinn, dann alles, was es braucht, dass es uns gut geht, und Rettung für immer, Schluss mit der Unheilverstrickten Vergangenheit.

Alles Gute! Das wünschen wir uns oft. Siehe, es war sehr gut: So hat Gott es gewollt. Und so will  er es für immer. Uns zuliebe.

Wenn also Frieden, Alles Gute und Rettung kommen, dann lasse ich mir die Füße der Freudenboten gern gefallen.

 

Unser Lied weiß noch von Trümmern zu erzählen. Vor den Freudentränen liegt der notwendige Trost. Wie unsere Weihnachtslieder von heute: Der Großteil stammt aus der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg. Dessen Elend will ich mir gar nicht vor Augen malen.

 

Jesajas fröhliches Jubellied gipfelt in den Worten: König ist Dein Gott! Sein Programm ist die Wiederherstellung des umfassenden Friedens. Und drum, weil wir Menschen, gleich welcher Kultur, Nationalität oder Religion eigentlich dasselbe ersehnen: Ein glückliches leben in Frieden, drum hat Gottes Königsprogramm eine Ausstrahlungskraft über aller Welt Enden.

 

Warum also dieses Prophetenlied zum Weihnachtsfest?

Mit dem König wird das Lied politisch: Gott regiert, sonst keiner.

Mein König kommt aus der Davidsstadt Bethlehem. Sein Name, wie er im Hebräischen mehrfach in unserem Lied erklingt, ist Programm: Jeshua: Rettung, Heil.

Sein Anspruch: Die Ausstrahlungskraft für alle Welt. Denn die Friedenssehnsucht verbindet alle Leidgeplagten.

 

Zum Schluss zurück zu den Füßen: Ich will heute kein Podologe werden und auch der bei manchen Frauen verbreitete Schuhkaufzwang ist nicht mein Thema. Aber anspringen kann mich das Bild dann schon: Die schönen Füße der Freudenboten, die im Rhythmus eines fröhlichen Tanzliedes über Sand und Wiesen hüpfen. Jetzt sehe ich die Hirten vor meinen Augen, die, angesteckt von der Botschaft der Engel, dem Stall mit dem Königskind Gottes entgegenrennen. Das Gloria der Engelchöre im Ohr mag das Rennen zum hüpfenden Springen geworden sein, von einer Melodie fröhlicher Lebenslieder getragen, vor lauter Freude über das, was sie noch nicht sehen, worüber sie aber bald staunen werden: Gott ist König. Er regiert. In seinem Kind aus Bethlehem. Heute und in jeder Nacht, die noch zum Tag werden muss.

 

Wenn wir schon nicht singen können, dann sollten wir innerlich aufspringen und Tanzen, ihm entgegen.

Fröhlich soll mein und Dein Herze springen, dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen. Amen.

 

Lied: Fröhlich soll mein Herze springen, EG 36,1.2.5.6