An dieser Stelle finden Sie die jeweils aktuellste Predigt von Pfarrer Steffen Kaltenbach.

Dafür, dass wir auswärtige Prediger und Predigerinnen nicht nach der Veröffentlichung ihrer Predigt fragen, bitten wir um Verständnis.

 

 

Gottesdienst zum 19. Sonntag n. Trinitatis 18.10.2020, Konfirmand*innenvorstellung

 

 

9.15 Uhr Evang. Kirche Kirchenkirnberg

 

Wochenspruch Jer 17,14

Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

 

Psalm 36 (EG 719)

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,

und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.

Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes

und dein Recht wie die große Tiefe.

Herr, du hilfst Menschen und Tieren.

Wie köstlich ist deine Güte, Gott,

dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!

Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,

und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,

und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

 

Lesung Act 3,1-9, E= Erzähler/in, P=Petrus

 

E

Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, gelähmt seit seiner Geburt; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach:

P

Sieh uns an!

E

Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.  Petrus aber sprach:

P

Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

E

Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.  Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.

 

Predigt: Act 3,1-9 Der bettelnde Gelähmte

 

Szene 1: Passantenreaktionen auf den Bettler

Bettler („Bettler“ sitzt so da, dass ein Halbkreis vor ihm frei ist; Konfis ziehen an ihm vorbei mit ihren je eigenen Reaktionen, kein Blickkontakt)

 

1

 

Dass der aber auch jeden Tag hier herumlungern muss.

Sowas nervt!

2

Kann der nicht was schaffen gehen?

3

Ein paar Kröten hab ich übrig. Das arme Schwein kann bestimmt jeden Cent brauchen und mir tut`s nicht weh.

4

Ob der das Geld auch wirklich für sich behalten kann?

5

Vielleicht muss er daheim eine Familie versorgen?

6

(wirft eine Münze in die Schale)

7

(Macht einen weiten Bogen um den Bettler)

8

 

(Wirft etwas zu Essen in die Schale). Wenn er wirklich Hunger hat, wird er etwas zu essen brauchen. Geld würde der bestimmt nur versaufen.

 

Ob der wirklich behindert ist? Das wirst du gleich sehen (Diebstahl).

 

Liedruf: Öffne meine Augen

 

 

 

Szene 2: Bettlergedanken (vom Bettler selbst gesprochen)

Da muss ich mich herumtragen lassen, jeden Tag neu. Wie gern würde ich niemandem mehr zur Last fallen! Aber wie das Leben so spielt: Mich hat`s halt getroffen, seit meiner Geburt. Wie gern würde ich selber gehen können. Dann bräuchte ich nicht hier zu sitzen und zu betteln. Fußballprofi wäre was für mich. Da könnte ich reich werden. Sorglos in den Tag hineinleben. Partys feiern. Tanzen, ja tanzen! Und ich hätte Freunde und Freundinnen. Wäre nicht allein den halben Tag. Und müsste nicht so erniedrigend an der Tempeltür sitzen und betteln. Ach, der Tempel. Hinein darf ich ja auch nicht. Behinderte müssen draußen bleiben. Die Priester reden was von fehlender Kultfähigkeit oder so. Unrein nennen sie das. Als ob ich mich nicht waschen würde. Immerhin: Am, Tempel kommen wenigstens viele Leute vorbei. Und hier sitzt der Geldbeutel ein bisschen lockerer als am Markt. Aber die Erfahrung erniedrigender Reaktionen muss ich auch hier über mich ergehen lassen. Wenigstens kann keiner sehen, wie beschämend das alles für mich ist.

Szene 3: Die Begegnung (Petrus und Johannes treten näher)

Bettler: Bitte eine kleine Spende. Habt Erbarmen mit einem behinderten Menschen!

Johannes: Sieh uns an!              (Bettler blickt auf, die blicke treffen sich)

Predigtteil Blickkontakt/Begegnung

Da sitzt, ja besser gesagt: Da hockt ein Mensch und bettelt für seinen Lebensunterhalt. Stuttgart Königsstraße oder Kirchenkirnberg an der Haustür: Das eingeschweißte Schild, das vom Schicksal eines Menschen und seiner Not erzählt. Die schlichte offene Hand, der Hut oder eine kleine Schüssel erflehen das Öffnen des Geldbeutels. Im Urlaub kann es mir passieren, dass gerade am Eingang einer Kirchentür jemand um mein Mitleid bettelt.

Es liegt nahe, dass ich nichts mit diesem Bettler und vor allem nichts mit seinem Betteln zu tun haben will. Verschämt erkaufe ich mir meine Ruhe mit einem kleinen Geldbetrag oder ich mache einen großen Bogen, um der peinlichen Situation zu entgehen. Ich hab aber auch von Drückerkolonnen gehört, davon, dass geschäftstüchtige Banden Kinder vorschicken, die sicher auch ein Stück vom Kuchen des Wohlstands abhaben möchten, aber das will ja schließlich jeder. Was wäre los, wenn alle, die weniger haben als ich, an meiner Haustür klingeln würden: Afrikaner, Syrer, Zirkusleute oder Obdachlose? Es muss eine bessere Lösung her, ein politischer Weg aus der Armut steht an. Was kann ich da mit einer kleinen Gabe erreichen?

So drehen sich die Gedanken des Bettlers und die der Passanten um ihr je eigenes Leben und auch um das Leben der Andern. Im Kopf entsteht so etwas wie eine kurze Kontaktfläche zwischen den Welten. Und auch eine innere Barriere. Auf beiden Seiten: Scham.

Dann der Blickkontakt. Sieh uns an! Mit dem erhobenen Auge entsteht eine erste Würdigung des Bettlers. Lass deinen Kopf nicht verschämt hängen, sondern blicke auf. Mitmenschlichkeit breitet sich aus mit der Dauer der sich treffenden Blicke. Jetzt geht’s nicht mehr nur um die Spendenschale, jetzt geht’s um mich, es geht um uns. Jetzt findet eine Begegnung statt. Eine Berührung ohne Hautkontakt. Eine Berührung der Blicke.

Szene 4: Die Enttäuschung

Petrus: Silber oder gar Gold hab ich nicht. (Bettler lässt den Kopf wieder sinken.)

Predigtteil Enttäuschung

Bettler: Wie hoffnungsvoll war dieser erste Blick. Der meint es ernst mit mir, will vielleicht mehr als nur Almosen geben. Welch ein Segen – Geldsegen. Oh ja, mit einer größeren Spende hätte ich mir mehr als nur den einen Tag ermöglichen können.

Pfr: Denkt sich der Bettler und wird enttäuscht.

Bettler: Der fromme Mann hat nicht meine Währung. Euro oder Drachme – das wäre mir egal, aber gar kein Geld – das hilft mir nichts. Vielleicht wieder nur eine Beleidigung. Ich will gar nicht wissen, was der da vorhat.

Pfr.: Die ermutigende erste Kontaktaufnahme hängt am seidenen Faden des so oft schon enttäuschten Vertrauens.

Szene 5: Die Zumutung

Petrus: Sieh uns an! (Bettler blickt auf) Silber und Gold habe ich nicht, aber was ich habe, das gebe ich dir! (Bettler streckt bettelnd die Hand aus)

Petrus (greift nach des Bettlers Hand): Im Namen Jesu Christi von Nazareth: Steh auf und geh umher.

Pfr.: Steh auf. Ich bin noch nie gestanden, rebellieren die innersten Gedanken des Bettlers. In meinem ganzen Leben nicht. Was soll das. Ich wusste es doch: Eine Beleidigung. Aber sein Blick wirkt ernsthaft, und der andere neben ihm ermutigt mich mit seinen Augen. Seine Hand weist mich nicht ab, sie gibt mir Halt; ob ich es wagen soll? Eine fiese „Verarsche“ oder ist das ein ernst gemeinter Wunderheilerversuch? Was hab ich schon zu verlieren. Gedemütigt und enttäuscht werde ich Tag für Tag. Gott, steh mir bei. Ich wag`s.

Szene 6 Heilung

(Bettler erhebt sich mit dem Blick zum Boden. Tastet die Knie und Knöchel ab, steht fest da und probiert Standfestigkeit aus. Blickt auf zu Petrus. Macht erste vorsichtige Schritte.)

Das Wunder nimmt seinen Lauf. Der Bettler, noch nie zuvor auf eigenen Füßen, er steht.

Wunder gibt es immer wieder - heute oder morgen - können sie geschehn.
Wunder gibt es immer wieder - wenn sie dir begegnen - musst du sie auch sehn. Katja Ebstein 1970.

Ja, wenn es diese Wunder immer wieder gäbe. Hier, in unserem Kirchenkirnberg, hier, an unserer Tür, gern auch hier an unserer Kirchentür. Petrus und Johannes, sie heilen den gelähmten Menschen im Auftrag Jesu, als Männer der jungen Kirche. Warum nicht auch heute? Warum können wir in unserer Zeit nicht auch Menschen auf die Beine helfen? Der Blick von Herz zu Herz ist das Eine, aber was ist mit der Heilung des ganzen Körpers?

Petrus und Johannes erbrachten ein Wunder. Ob sie selbst erstaunt waren über die Wirkung ihres bescheidenen Tuns? So riesig viel gemacht haben sie dabei ja nicht. Ein Blickkontakt. Nähe, eine dargebotene Hand. Ein steiles Wort. Die junge Kirche war attraktiv auch wegen ihrer Wunder. So können wir es in der Bibel lesen. Die gute Nachricht für den Bettler: Im Namen Jesu Christi: Steh auf und geh umher. Der Bettler musste lange warten, bis ihm solches Heil, solche Heilung zuteil geworden war. Andere blieben ungeheilt; sicher die Mehrzahl aller kranker und behinderter Menschen. Jesus der Chefarzt, und seine Oberärzte Petrus und Johannes, auch sie hatten nicht Zeit für alle Patienten. Warum nur dieser eine? Zeichenhaft für ein anderes, ein neues, heilvolles Leben unter Gottes Regierung. Warum nur dieses eine Zeichen – ein namenloser Bettler. Wir kennen Menschen mit Namen, denen wir Heilung so sehr wünschen, oder gewünscht hätten. Warum nicht hier, warum nicht jetzt?

Die Fragen bleiben, und es bleibt die Sehnsucht nach Heilung und Heil. Es bleibt die Sehnsucht nach Heil und Frieden für Gottes ganze Welt.

Es bleibt die Chance zur Begegnung. Es bleibt uns die Gunst des Blickkontakts. Es bleibt uns die Erfahrung von Nähe. Silber und Gold hab ich nicht, und auch der Zauberstab des Wunderheilers ist mir nicht gegeben. Aber unser sich verbindender Blick schafft Nähe. Ich sehe in deinen Augen deine Sehnsucht. Was wäre ein heilsames Wort für dich, was wäre ein hoffnungsstärkendes Wort für uns Beide? Im Namen Jesu: Hilf uns, Gott.

Und dann ist uns geholfen.

Johannes und Petrus setzen ihren Weg fort, hinein in den Tempel gehen sie, der bisher bettelnde, an seinen Sitzplatz gefesselte Mensch folgt ihnen und überholt sie in seiner überschwänglichen Freude. Was aus einem Blickkontakt werden kann! Welch ein Glück: Man sieht sich!

In unserer Kirche: Sonntag für Sonntag.

Szene 7: Tanz und Gotteslob

(Alle drei gehen in den Tempel hinein, Bettler beginnt zu wippen und zu tanzen.) Bettler: Halleluja. Preist Gott. Ich kann gehen. Gott hat mich geheilt! Halleluja!

 

Lied: Ich singe dir mit Herz und Mund, EG 324, 13+14

13. Wohlauf, mein Herze, sing und spring / und habe guten Mut!

Dein Gott, der Ursprung aller Ding, / ist selbst und bleibt dein Gut.

 

14. Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil, / dein Glanz und Freudenlicht,

dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil, / schafft Rat und lässt dich nicht.